»Käte!« Ihr Mann sah sie sehr ernst an, und ein Vorwurf lag in seinem Ton und eine Mahnung: »Käte!«
Und dann wendete er sich zu dem jungen Menschen, der trotzig dastand, fast herausfordernd in der Haltung – den einen Fuß vorgestellt, gerade aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen – und sagte: »Die Mutter ist begreiflicherweise sehr aufgeregt, du solltest sie schonen – gerade heute! Geh jetzt, und wir werden morgen –«
»Nein, nein!« Käte ließ ihn nicht aussprechen; sie rief in höchster Erregung: »Nein, nicht aufschieben! Laß ihn doch reden – jetzt – laß ihn nur! Und antworte du ihm – jetzt – gleich – daß er unser Sohn ist, unser Sohn ganz allein! Wolfgang – Wölfchen!« Sie brauchte heute wieder seit langer Zeit den alten süßen Kinderschmeichelnamen. »Wölfchen, liebst du uns denn gar nicht mehr? Wölfchen, komm doch zu mir!«
Wieder streckte sie die Hände nach ihm aus, aber er sah wiederum nicht diese verlangenden, liebevoll gebreiteten Arme. Er war sehr blaß und sah starr vor sich nieder.
»Wölfchen, komm!«
»Ich kann nicht!«
Nichts regte sich in seinem Gesicht, und seine Stimme hatte immer noch den eintönigen Klang, der ihr so furchtbar war. Sie schluchzte auf, und ihre Blicke klammerten sich an ihren Mann – nun sollte der ihr helfen! Aber er sah sie finster an; deutlich las sie in seiner Miene den Vorwurf: ›Warum bist du mir nicht gefolgt?! Hätten wir’s ihm gesagt beizeiten –‹ nein, auch bei ihm fand sie keine Hilfe! Und jetzt – was sagte Paul jetzt gar?! Ihre Augen erweiterten sich in plötzlichem Schrecken, mit beiden Händen umklammerte sie die Seitenlehnen ihres Sessels, wollte zurücksinken und bäumte sich doch auf, sich wehrend gegen das, was nun kommen mußte. War Paul von Sinnen?! Er sprach: »Du bist nicht unser Sohn!«
»Nicht euer Sohn?!« Der Knabe stammelte. Er hatte sich durch nichts beirren lassen wollen, aber diese Antwort beirrte ihn doch. Sie verwirrte ihn; er wurde rot und blaß, und sein Blick glitt unsicher von dem Mann zur Frau, von der Frau zum Mann.
Also auch er – der – wäre nicht sein Vater?! Aber Frau Lämke hatte es doch gesagt! Aha, der wollte ihn jetzt wohl verleugnen?! Mißtrauisch sah er den Mann an, und dann wallte es wie eine Kränkung in ihm auf: wenn der da nicht sein Vater wäre, hätte er ja eigentlich hier gar kein – nein, gar kein Anrecht?!
Und einen Schritt nähertretend, sagte er hastig: »Du bist wohl mein Vater. Du willst es jetzt nur nicht sagen. Aber sie« – er nickte kurz nach dem Sessel hin – »sie ist nicht meine Mutter!« Seine Augen leuchteten; mit einem tiefen Aufatmen sagte er nun, als sei es ihm eine Erleichterung: »Das habe ich immer gewußt!«