»Du bist falsch berichtet! Wäre es nach mir gegangen, ich hätte dir längst die Wahrheit gesagt. Aber da nun einmal – leider! – der richtige Moment versäumt ist, so sage ich sie dir heute. Ich sage sie dir – so wie ein Mann zum anderen spricht, auf Ehrenwort – ich bin dein Vater nicht, ebensowenig wie sie deine Mutter ist. Von Geburt bist du uns fremd, ganz fremd. Wir haben dich aber angenommen an Kindes Statt, weil wir gerne ein Kind haben wollten und keins hatten. Wir haben dich aus dem –«

»Paul!« Wie damals, als Schlieben dem Knaben, empört über dessen Undankbarkeit, hatte etwas verraten wollen, fiel Käte ihm mit einem lauten Schrei an die Brust. Sie umklammerte ihres Mannes Nacken; hastig, heftig, mit zitterndem Hauchen raunte sie ihm ins Ohr: »Sag ihm nicht: woher! Um Gottes willen nicht, woher! Dann geht er, dann ist er mir ganz verloren! Ich ertrage es nicht – hab Mitleid, Erbarmen mit mir – sag ihm nur nicht: woher!«

Er wollte sie von sich schieben, aber sie ließ ihn nicht los. Immer dies weinende Stammeln, dies zitternde, angstvolle, verzweifelnde Beschwören: nur nicht woher, nur nicht woher!

Ein großes Mitleid mit ihr überkam ihn: seine arme Frau, so eine arme Frau – mußte ihr das geschehen?! Und ein Zorn kam dazu gegen den Knaben, der da so breitspurig stand – dreist – ja, dreist – der da forderte, wo er zu bitten hatte, und unbewegt, mit großen kalten Augen nach ihnen hinsah.

Der ernste, aber doch weiche Ton, in dem Schlieben bis jetzt zu Wolfgang gesprochen hatte, wurde streng: »Übrigens verbitte ich mir diese deine Art, zu fragen!«

»Ich habe ein Recht, zu fragen!«

»Ja, das hast du!« Der Mann war ganz betroffen: ja, der Junge hatte das Recht! Wer hier im Unrecht war, das war ganz klar! Und so sagte er einlenkend und wieder freundlicher: »Wenn du aber auch nicht unser Sohn bist in Fleisch und Blut, so denke ich doch, haben Erziehung und jahrelanges Mühen, treue Fürsorge dich im Geiste zu unserm Kinde gemacht. Komm, mein Sohn – und wenn sie alle sagen, du wärest nicht unser Sohn, ich sage dir: du bist unser Sohn, in Wahrheit!«

Er hielt dem regungslos Dastehenden die freie Hand hin – mit der andern hielt er seine Frau umfaßt –, da war noch Platz an seiner Brust, hier konnte auch noch der reuige Knabe liegen. Aber langsam wich Wolfgang zurück, er nahm die gebotene Hand nicht, er ließ sich nicht ziehen.

»Nein,« sagte er. Und dann ging er, ohne Tränen, die trockenen Augen immer starr auf die, die er so lange Eltern genannt hatte, gerichtet, langsam rückwärts zur Tür.

»Junge, wohin?! Aber so bleibe doch!« Schlieben rief es ihm gütig nach – der Junge war ja auch in einer scheußlichen Situation, man mußte Geduld mit ihm haben! Und er rief noch einmal: »Wolfgang, bleibe doch!«