Ein ekler Dunst, der die geschlossene Stube erfüllte, reizte sie zur Übelkeit; zum Fenster taumelnd, riß sie es auf, stieß den Laden zurück – da sah sie. Da lag er wie ein Tier – er, der sorgsam Gewöhnte, er, der als Kind seine kleinen Hände ausgestreckt hatte, klebte nur ein Krümchen daran: ›Sauber putzen!‹ und geweint hatte dabei. Jetzt lag er da, als merkte er nichts, als ginge ihn das um ihn her nichts an, als ruhte er in lauter Reinheit; hielt die Augen, deren kohlschwarze Wimpern wie Schatten auf die bleichen Wangen fielen, fest geschlossen und schlief den Schlaf bleischwerer Müdigkeit.

Sie wußte nicht, was sie tat. Sie hob die Hand, um ihn ins Gesicht zu schlagen, ihm ein Wort zuzurufen, ein heftiges Wort des Ekels und Abscheus; sie fühlte, wie ihr der Speichel im Munde zusammenlief, wie es sie drängte, auszuspeien. Das war zu schrecklich, zu schmutzig, zu entsetzlich!

Durchs offene Fenster drang ein Strom von Licht herein, von Licht und Sonne; eine Amsel sang, voll und rein. Da war Sonne, da war Schönheit, aber hier, hier –?! Wimmernd hätte sie ihr Antlitz verhüllen mögen, davonlaufen und sich verbergen. Aber wer sollte dann hier tun, was zu tun nötig war, wer Ordnung schaffen und Reinlichkeit?! Der umgestürzte Stuhl, die hastig abgezogene Kleidung, der widrige Dunst – ach, all das mahnte nur zu deutlich an eine wüste Nacht. Das durfte nicht so bleiben. Und wenn sie ihn auch nicht mehr liebte – nein, nein, keine Stimme in ihrem Herzen sprach mehr von Liebe! – der Stolz gebot ihr, sich nicht vor den Dienstboten zu demütigen. Beiseite schaffen, niemanden etwas davon merken lassen, rasch, rasch!

Die Zähne zusammenbeißend, den Ekel zurückdrängend, der ihr immer wieder und wieder würgend aufstieg, fing Käte an, zu waschen, zu reiben, zu putzen, holte sich immer wieder Wasser, den Krug voll, einen ganzen Eimer voll. Heimlich mußte sie es tun, auf Zehen über den Gang schleichen. O weh, wie das plätscherte, mit welchem Geräusch das Wasser aus dem aufgedrehten Hahn in den untergehalten Eimer schoß! Daß nur niemand, niemand etwas merkte!

Sie hatte ein Scheuertuch gefunden, und, was sie in ihrem Leben noch nie getan hatte, nun tat sie’s: sie lag wie eine Magd auf den Knieen und wischte den Boden ab und rutschte vor dem Bett herum, bis unters Bett, und reckte die Arme lang und streckte und dehnte sich, um nur ja jeden Winkel zu erreichen. Nichts durfte vergessen werden, alles mußte überschwemmt werden mit frischem, reinem, erlösendem Wasser. Es kam ihr alles im Raum beschmutzt vor – wie beleidigt und erniedrigt – die Dielen, die Möbel, die Wände; am liebsten hätte sie auch die Tapeten abgewaschen oder sie ganz heruntergerissen, diese schönen, tieffarbenen Tapeten.

So hatte sie noch nie in ihrem Leben gearbeitet; der Schweiß der Anstrengung und der Angst klebte ihr das elegante Morgenkleid mit dem Seideneinsatz und den Spitzen an den Körper. An den Knieen zeigte der Rock dunkle Flecke vom Rutschen im Naß, der Saum der Schleppe war tief ins Wasser getunkt; unordentlich hingen ihre Haare, sie hatten sich gelöst und zausten um das erhitzte Gesicht. Kein Mensch hätte so Frau Schlieben erkannt.

Gott sei Dank, endlich! Mit einem Seufzer der Erleichterung sah Käte sich um; eine andre Luft herrschte nun im Zimmer. Der frische Wind, der hereinwehte, hatte alles geklärt. Nur er, er paßte noch nicht in die Reinheit! Seine Stirn war voll klebrigen Schweißes, seine Wangen erdfahl, seine Lippen geschwollen, geborsten, sein Haar borstig, sich sträubend in Büscheln. Da wusch sie auch ihn, kühlte seine Stirn und trocknete sie, rieb seine Wangen mit Seife und Schwamm, holte Bürste und Kamm, kämmte und glättete sein Haupt, lief hurtig hinüber in ihr Zimmer, brachte das Toilettenwasser von ihrem Tisch und ließ es über ihn hinsprühen. Nun noch die Decke frisch bezogen! Mehr konnte sie nicht tun, es ward ihr zu schwer, ihn zu heben. Denn er erwachte nicht. Wie ein gefällter Baum – tot, starr, unbeweglich – lag er da und merkte nichts von den zitternden Händen, die über ihn hinhuschten, zupften und glätteten, bald hier, bald da.

Wie lange sie um ihn geschafft hatte, wußte sie nicht; ein Klopfen an der Tür brachte sie in die Zeit zurück.

»Wer ist da?«

»Ich, der Friedrich!«