»Was wollen Sie?«

»Gnädige Frau, der Herr läßt zu Tisch bitten!«

»Zu Tisch – der Herr?!« Sie faßte sich an den Kopf: war’s möglich, Paul schon zurück – Mittagszeit? Das konnte nicht sein! »Wieviel Uhr?« schrie sie schrill. Selbst nach der Uhr zu sehen, die auf dem Nachttisch lag, fiel ihr nicht ein; sie hätte es ja auch nicht gekonnt, die kostbare goldene Uhr, das Geschenk zur Konfirmation, stand still, nicht aufgezogen zur Zeit.

»Gnädige Frau, es ist halb drei,« sagte Friedrich draußen. Und dann wagte es der langjährige Diener respektvoll zu fragen: »Ist der junge Herr nicht wohl, daß er noch nicht aufgestanden ist? Kann ich vielleicht was helfen, gnädige Frau?«

Einen Augenblick zauderte sie: sollte sie Friedrich einweihen? Es wäre dann leichter für sie! Aber die Scham schrie aus ihr: »Es ist nichts zu helfen, gehen Sie nur! Der junge Herr hat Migräne, er wird noch eine Stunde liegen bleiben. Ich komme gleich!«

Und sie stürzte hinüber in ihr Zimmer; das Kleid zu wechseln war keine Zeit mehr, aber wenigstens das heruntergefallene Haar mußte sie aufstecken, den Scheitel glattstreichen und ein Häubchen darauf stülpen mit zartem Band.

»Noch in Morgentoilette?« fragte verwundert Schlieben, als sie ins Eßzimmer trat. Etwas von Vorwurf war auch in der Frage; er mochte es nicht leiden, wenn man nicht korrekt zum Mittagstisch kam.

»Du kamst heute ausnahmsweise früh,« entschuldigte sie sich. Sie wagte nicht, frei aufzusehen, unendlich gedemütigt; essen konnte sie auch nicht, eine unleidliche Erinnerung verekelte ihr jeden Schluck und jeden Bissen.

»Wo ist denn Wolfgang?«

Da war die Frage, auf die sie eigentlich hätte vorbereitet sein müssen und die sie dennoch traf, gänzlich vernichtend. Sie hatte keine Abwehr. Was sollte sie antworten? Sollte sie sagen: er ist krank?! Dann ging der Vater hinauf und sah nach ihm. Sollte sie sagen: er ist betrunken und schläft?! O Gott, nein, es war nicht zu verheimlichen! Sie wurde blaß und rot, ihre Lippen zuckten und sagten nichts.