»Aha!« Schlieben lachte plötzlich auf – ein wenig gutmütig, ein wenig spöttisch – und dann streckte er ihr die Hand über den Tisch hin und sah sie ruhig an: »Du mußt dich nicht so aufregen, Käte, wenn der Junge mal einen kleinen Kater hat. So was kommt vor, das macht jede Mutter durch!«

»Aber nicht so schrecklich – nicht so schrecklich!« Sie schrie laut heraus, von Schmerz und Zorn überwältigt. Und dann packte sie die Hand ihres Mannes und klemmte sie zwischen ihre beiden feuchtkalten Hände und raunte ihm zu, halb erstickt: »Er war betrunken – ganz betrunken – sinnlos betrunken!«

»So –?!« Schlieben runzelte die Stirn, aber das Lächeln erstarb nicht ganz auf seinen Lippen. »Nun, ich werde mal mit dem Jungen, wenn er ausgeschlafen hat, ein Wörtchen reden. Sinnlos betrunken, sagst du?«

Sie nickte.

»Es wird wohl nur halb so schlimm gewesen sein! Aber überhaupt, betrunken, das darf nicht vorkommen! Angeheitert, du lieber Gott!« Er zuckte die Achseln, und wie eine sonnige Erinnerung glitt’s über sein Gesicht. »Angeheitert – wer wäre jung gewesen und nicht einmal angeheitert?! Ah, ich erinnere mich noch ganz deutlich an meinen ersten Schwips, der Kater nachher war fürchterlich, aber der Schwips selber schön, wunderbar schön! Ich möchte ihn nicht missen!«

»Du – du bist einmal angetrunken gewesen?!« Sie sah ihn starr an mit weiten Augen.

»Angetrunken – das nennt man doch nicht gleich angetrunken! Angeheitert,« verbesserte er. »Du mußt nicht so übertreiben, Käte!« Und dann aß er weiter, als wäre nichts geschehen, als hätte ihm diese Unterhaltung gar nicht den Appetit rauben können.

Sie fieberte: wann würde Wolfgang erwachen, und was würde dann sein?!

Gegen Abend hörte sie oben seinen Tritt, hörte ihn sein Fenster schließen und wieder öffnen und sein leises Pfeifen wie Vogelgezwitscher. Paul ging, seine Zigarre rauchend, im Garten auf und ab. Sie saß zum ersten Mal in diesem Frühjahr auf der Veranda und sah zu ihrem Mann hinunter in den Garten. Es war lind und warm. Jetzt fühlte sie, daß Wolfgang nahte; sie wollte den Kopf nicht wenden, so schämte sie sich, aber sie wendete ihn doch.

Da stand er in der Tür, die vom Eßzimmer hinaus in die Veranda führte; hinter ihm war das Dämmerlicht des Parterreraumes, vor ihm die flutende Helle der Abendsonne. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen, rot war sein Gesicht bestrahlt – oder schämte er sich so? Was würde er nun sagen, wie beginnen? Ihr Herz klopfte; sie hätte kein Wort sprechen können, ihre Kehle war wie zugeschnürt.