»Ich werde es nicht mehr tun,« sagte sie und sah in ihren Schoß. Sie hätte ihn nicht ansehen können, so verachtete sie ihn. Wie hatte er dagestanden, so breit und groß und dreist und ganz vergnügt ›’n Abend‹ gesagt! Tat so, als ob er von nichts wüßte, nicht, daß er vor ein paar Stunden noch hatte kriechen wollen auf allen Vieren, sich strecken auf die Schwelle, als wäre da sein Bett oder er ein Hund! War so unbefangen, als hätte er nicht heute mittag noch da oben in seinem Zimmer gelegen, so – so – schmutzig! Als wenn sie ihn nicht gesehen hätte in seiner tiefsten Erniedrigung. Nein, nie, nie mehr würde sie ihn küssen können, ihn streicheln, die Arme um seinen Hals legen, wie sie’s dem Knaben so gern getan hatte! Er war ihr auf einmal ein ganz fremder Mensch geworden.
Sie sagte kein Wort mehr, machte ihm keinen Vorwurf. Teilnahmslos hörte sie das, was jetzt ihr Mann unten im Garten zu ihm sprach.
So milde wie Schlieben diesen Mittag seiner Frau gegenüber geschienen hatte, jetzt, dem Sohne gegenüber, war er es denn doch nicht. Ernsthaft sagte er: »Ich höre, du bist angetrunken nach Hause gekommen – was soll das heißen?! Schämst du dich nicht?«
»Wer hat das gesagt?«
»Das ist ja ganz gleichgültig, ich weiß es, und das genügt!«
»Sie natürlich,« sagte der Sohn bitter. »Mama übertreibt gleich alles so. Betrunken bin ich sicher nicht gewesen, nur ein bißchen im Schwum – das waren wir alle – Gott, Papa, man kann sich doch nicht ausschließen! Was soll man denn auch sonst machen an so ’nem langen Abend?! Aber schlimm war’s jedenfalls nicht. Ich bin ja jetzt so frisch!« Und er packte den Zierkirschenbaum, unter dem sie gerade standen, mit beiden Händen, als wolle er ihn ausreißen, und ein ganzer Schauer von weißen Blüten ging nieder über ihn und den Weg.
»Laß meinen Baum nur stehen,« sprach der Vater lächelnd.
Käte sah: Paul konnte lachen?! Also so ernst war’s ihm doch nicht! Aber sie erregte sich nicht mehr, wie sie sich wohl früher hierüber erregt haben würde, es war ihr, als sei alles in ihr kalt und tot. Sie hörte die beiden sprechen wie aus weiter, weiter Ferne, ganz schwach nur war der Stimmen Klang, und doch sprachen sie beide laut und auch lebhaft.
Die Unterhaltung war nicht so ganz freundschaftlich; wenn Schlieben dem Jungen auch nicht ernstlich zürnte, so hielt er es doch für Pflicht, ihm Vorhaltungen zu machen. Er schloß: »Ekelhaft sind solche Saufereien!« Im stillen dachte er freilich: ›so schlimm, wie Käte es macht, kann es unmöglich gewesen sein, man müßte doch sonst dem Jungen etwas anmerken!‹ Seine bräunlichen Wangen waren glatt und fest, so blank, so frisch gewaschen, seine nicht großen, aber durch ihre dunkle Tiefe auffallenden Augen hatten heute sogar einen besonderen Glanz.
Schlieben legte dem Sohne die Hand auf die Schulter: »Also, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, nie mehr so etwas, Wolfgang!«