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Schlieben saß in seinem Privatkontor in dem roten Lederstuhl, den er sich zur Bequemlichkeit hatte hier hineinstellen lassen, lehnte sich aber nicht an, sondern saß ungemütlich, gerade aufgerichtet, und sah aus wie einer, der eine unliebsame Entdeckung gemacht hat. Wie konnte das zugehen, daß der Junge Schulden gemacht hatte?! Bei so reichlichem Taschengeld?! Und dann, daß er nicht das Herz hatte, zu kommen und zu sprechen: ›Du, Vater, ich habe zu viel ausgegeben, hilf mir heraus –,‹ das war einfach unfaßlich! War er denn ein so strenger Vater, daß der Sohn sich vor ihm fürchten mußte? Trieb die Furcht die Liebe aus?! Er ging sein eigenes Verhalten durch; er konnte sich wirklich nicht den Vorwurf machen, zu streng gewesen zu sein. Wenn er auch nicht alle Zeit so nachgiebig gewesen war – zu nachgiebig – wie Käte, so hatte doch auch er dem Jungen immer und immer wieder zu zeigen geglaubt, daß er ihn lieb hatte. Und hatte er denn nicht auch – gerade in letzter Zeit – geglaubt, der Junge hätte auch ihn lieb? Lieber als früher?! Wolfgang war eben zu Verstand gekommen, hatte eingesehen, wie gut man’s mit ihm meinte, daß er seiner Eltern lieber Sohn war, ihre wachsende Freude, ihre Hoffnung – ja, nun, da man alt geworden war, die ganze Zukunft! Wie kam’s, daß er lieber zu andern ging, zu Leuten, die ihn gar nichts angingen, und sich von denen borgte, anstatt den Vater zu bitten?!

Mit Betrübnis nahm Schlieben einen Brief von seinem Schreibtisch, las ihn, den er doch schon drei-, viermal gelesen hatte, noch einmal durch und legte ihn dann mit einer ärgerlichen Gebärde wieder zurück. Da schrieb ihm Braumüller, der kürzlich aus der Firma ausgetreten war und sich zur Erholung und zum Vergnügen in der Schweiz befand, der Junge hätte ihn schon wieder mal angepumpt. Nicht, daß er’s ihm nicht gerne geben würde, es käme ihm ja gar nicht darauf an, aber er hielte es doch für seine Pflicht – und so weiter, und so weiter.

›Es kann nicht anders sein, lieber Schlieben, der Junge lumpt. Es ist mir höchst fatal, ihn zu verpetzen, aber ich kann doch nicht länger warten, denn so gut wie er zu mir kommt, geht er auch zu andern. Und es wäre doch höchst peinlich, wenn der Sohn der Firma Schlieben & Co., zu der ich mich immer noch in alter Anhänglichkeit rechne, etwa gar in der Leute Mäuler käme. Nimm’s nicht übel, alter Freund! Was der Junge mir schuldet, schenke ich ihm; ich mag ihn gern und bin auch mal jung gewesen. Im übrigen bin ich ganz froh, daß ich keine Kinder habe, es ist doch ein verdammt schweres Stück, eins zu erziehen. Leb wohl, grüße Deine Frau vielmals, es ist herrlich hier – – –‹

Mit gerunzelter Stirn starrte Schlieben über das Papier hinweg; dieser Brief, der so gut gemeint, so herzlich geschrieben war, tat ihm weh. Daß Wolfgang hierin so wenig Vertrauen zu ihm hatte! War er überhaupt nicht offen?! Schlieben erinnerte sich genau, daß Wolfgang als Kind immer wahr gewesen war, gerade heraus bis zur verletzenden Offenheit – ungezogen war er gewesen, aber nicht verlogen –, sollte er sich jetzt so verändert haben? Wie kam das, und woher?!

Der Vater beschloß, nichts von dem Brief zu erwähnen, wohl aber Wolfgang scheinbar gelegentlich – aber sobald als möglich – zu fragen, wie es denn eigentlich mit seinen Finanzen stünde? Da würde er ja hören!

Es drängte ihn förmlich zu dieser Frage, und doch brachte er sie nicht über die Lippen, als bald darauf Wolfgang ins Privatkontor trat, ohne vorher anzuklopfen, wie sie’s doch alle taten, mit der ganzen unbekümmerten Sicherheit des Sohnes. Er setzte sich rittlings auf das Schreibpult des Vaters, ganz achtlos, daß sein helles Beinkleid mit dem Tintenfaß in unliebsame Berührung kam. Draußen war helle Luft und eine höchst sommerliche Sonne; er brachte eine ganze Menge davon mit herein in den dunkel gehaltenen, kühlen und abgeschlossenen Raum.

»Ärger gehabt, Papa?!« Was der alte Herr wohl wieder für Grillen hatte? O, sicher nichts von Belang! Wie konnte man jetzt überhaupt Ärger haben in dieser köstlichen, wohligen Sommerzeit?!

Wolfgang liebte die Sonne; wie er sie als Kind angestaunt hatte in ihrem kleinen Abbild, der runden gelben Sonnenblume seines Gärtchens, so freute er sich noch jetzt an ihr. Perlte der Schweiß in Tropfen auf seiner braunen Haut, dann schob er wohl den weißen Panamahut ein wenig aus der Stirn zurück, aber nie ging sein Atem freier, leichter, unbeklemmter.

»Es war herrlich, Papa,« sagte er, und seine Augen leuchteten. »Erst geschwommen – was sagst du dazu, dreimal hintereinander die ganze Breite des Sees, ohne Pause hin und her, und wieder hin und her und wieder hin und her?!«