Am Nachmittag zeigte er sich dann wieder eine Stunde im Bureau, aber schon im Tennisanzug, in den weißen Schuhen, den Schläger in der Hand.
Als Wolfgang heute den Sportplatz des Westens verließ, erhitzt und rot – sie hatten lange und hartnäckig gespielt –, um herüber nach dem Bahnhof ›Zoologischer Garten‹ zu gehen, stand er, schon im Eingang, zögernd. Es trieb ihn so gar nicht nach Hause. Sollte er nicht lieber noch einmal hinein in die Stadt fahren? Eigentlich lockte es ihn jetzt nicht in die Straßen, die die treibende Menge mit noch größerer Stickigkeit erfüllte, draußen war’s besser, da strich über die Villa wenigstens ein Hauch von Freiheit, aber er mußte dann mit den Eltern zusammensitzen! Na, wenn der Vater heute abend wieder so schlechter Laune war, wie heute morgen im Kontor, dann war’s gräßlich! Dann war es doch besser, sich in Berlin irgendwo Gesellschaft zu suchen. Wenn nur der Tennisanzug nicht wäre! Der hinderte. Unschlüssig stand er noch, da sah er im Gewühl der Menge, die jetzt nach Geschäftsschluß und Feierabend wie ein langer eilender Wurm sich durch den Bahnhofseingang schlängelte, und sich rechts und links die Treppen hinan spaltete, unter einem in die Stirn gerückten weißen Matrosenhütchen mit blauem Samtband ein blondes Haar aufleuchten, das ihm bekannt vorkam. Es war ein schönes, helles, seidiges Haar, glatt und glänzend; anscheinend lässig, aber doch mit vieler Sorgfalt in einen mächtigen Knoten gedreht. Und nun erkannte er unterm Strohhütchen die blauen Augen und das kecke Näschen. Frida Lämke! Ah, wie lange hatte er die nicht gesehen! Hundert Versäumnisse fielen ihm ein. Wie wenig mehr hatte er sich um die guten Leute gekümmert! Das war recht schlecht! Und auf einmal war ihm, als hätte er sie immer, alle die Zeit her vermißt. Mit einem Satz, wie ein ungestümer Junge, nicht achtend, daß er hier auf ein Kleid trat und da einen in die Seite rempelte, war er neben ihr.
»Frida!«
Sie fuhr ein wenig zusammen: wer redete sie denn so dreist an?!
»Tag, Frida! Wie geht’s dir?!«
Sie erkannte ihn erst nicht, aber dann errötete sie und spitzte den Mund. Was war der Wolfgang für ein Herr geworden! Und sie antwortete, ein bißchen schnippisch, ein bißchen geziert: »Jut! Jeht’s Ihnen auch jut?« lachte und warf den blonden Kopf in den Nacken.
Er wollte nichts davon hören, daß sie ›Sie‹ zu ihm sagte. »Unsinn, Frida, was fällt dir ein?!« Und war so herzlich, so ganz wieder der Wolfgang von früher, daß sie sich rasch in ihn hineinfand. Sie ließ ihre Ziererei ganz fahren. Als wäre nicht fast ein Jahr vergangen, seit sie zuletzt miteinander gesprochen hatten, so gingen sie vertraulich nebeneinander her.
›Ein junges Liebespärchen,‹ dachte manch einer, der sie streifte, als sie an den Büschen des Tiergartens entlang schlenderten. Sie hatten ihren Zug fahren lassen, er hatte so wie so keine Eile nach Hause, und so gingen sie immer tiefer hinein in das grüne, schon nächtliche Dunkel, in dem selbst sein heller Tennisanzug und ihre helle Bluse unkenntlich verschwammen. Die Nachtigallen waren längst verstummt; man hörte ab und zu nur leises Mädchenauflachen wie ein Girren und gedämpftes Flüstern von Pärchen, die man nicht sah. Auf den Bänken, die im Dunkel standen, raunte es, es raschelten Sommerkleider, es leuchteten wie Glühwürmchen brennende Zigarren auf, alle Sitze, auf die man zutappte, waren besetzt; es war unendlich schwül im Park.
Wolfgang und Frida sprachen von Frau Lämke. »Sie ist immer krank, hat schon so viel gedoktert,« sagte das Mädchen, und dabei bebte eine aufrichtige Betrübnis in seinem Ton. Es tat Wolfgang sehr leid. –
Als Frida heute abend ganz außergewöhnlich spät heimkehrte – das Haus war längst geschlossen, Frau Lämke hatte sich schon geängstigt und wußte nicht, wie sie die Bratkartoffeln warm halten sollte – fiel sie der Mutter um den Hals: »Mutter, Mutterken, zanke nicht!« Und dann sprudelte sie heraus, daß sie dem Wolfgang begegnet wäre: »Wolfjang Schlieben, du weißt doch! Der war so nett – nee, Mutter, du kannst dir jar nich denken, wie nett er war! Nich ’n bißchen stolz! Und er fragte jleich nach dir, und als ich ihm sagte, du hättest’s mit’n Magen und mit’n Nerven, da tat ihm das so leid. Und er sagte: Mutter muß mal ’raus in der schönen Sommerszeit, und jab mir den Schein, hier, siehste, ’nen grünen Schein – ich wollt ihn durchaus nich nehmen, was soll’n denn wohl die Leute von denken?! – aber er jing so mit Jewalt, er hatt’n mir in die Hand jestopft, ich hätte schreien können, so hat er mir die Finger auseinander jebogen – biste böse, Mutter, daß ich ihn jenommen habe? Ich wollte nich, ich wollte wahrhaftig nich! Aber er sagte: ›Es ist doch für deine Mutter!‹ Und, ›sei doch vernünftig, Frida!‹« Frida weinte fast vor dankbarer Rührung.