»Habt ihr denn nichts andres gegessen?!«

»Ja, wir haben andres gegessen – aber wenn du nicht kommst!« Der Vater runzelte die Stirn, und nun sah er zum ersten Mal heute abend den Sohn voll an und maß ihn mit einem ernsthaften Blicke. »Du kannst doch unmöglich verlangen, wenn du so unpünktlich nach Hause kommst, noch warmes Abendbrot zu finden?«

»Aber ihr – ihr braucht ja doch deswegen nicht« – der junge Mensch verschluckte den Rest – es wäre ihm ja viel lieber, die Eltern säßen nicht da und warteten auf ihn, die Dienstboten würden schon ihre Schuldigkeit tun!

»Meinst du vielleicht, die Dienstboten brauchen keine Nachtruhe?« fragte der Vater, als hätte er diese Gedanken erraten. »Die Mädchen, die den ganzen Tag in der Küche gesteckt haben, wollen abends auch Schluß machen. Darum mußt du schon früher kommen, wenn du mit uns essen willst. Im übrigen wird es einem jungen Menschen wohl nichts schaden, wenn er abends mal mit einem Butterbrot vorlieb nimmt. Übrigens du, der du« – er hatte eigentlich sagen wollen: ›Du, der du so gut zum Mittag issest‹ –, aber nun reizte ihn die Miene des jungen Menschen, in der so viel maßloses Staunen lag, und er sprach laut, ganz gegen seine Gewohnheit heftig, heftiger, als er’s je im Sinn gehabt hatte: »Du – bist du etwa berechtigt, solche Ansprüche zu machen? Wie kommst du dazu, gerade du?!« Eine Bewegung Kätes, ein Rauschen ihres Kleides erinnerten ihn an ihre Gegenwart, und er fuhr gemäßigter fort, aber mit einem gewissen ärgerlichen Hohn: »Leistest du etwa so viel? Zwei Stunden vormittags im Kontor – knapp –, nachmittags eine Stunde – ja, das ist eine erstaunliche, eine kolossale Tätigkeit, die große Ansprüche an deine Kräfte stellt! Eine ganz besondere Verpflegung erheischt, in der Tat! Nun, was denn, was?!«

Wolfgang hatte etwas sagen wollen, aber der Vater ließ ihn nicht zu Worte kommen: »Setze erst eine bescheidene Miene auf, und dann rede! Junge, ich sage dir, wenn du Braumüller noch einmal um Geld angehst!«

Da, da war es heraus! All das diplomatische Fragen und Aushorchenwollen war im Ärger vergessen. Schlieben fühlte sich förmlich erleichtert, nun er sagen konnte: »Das ist ja eine unerhörte Sache! Es ist eine Schmach für dich und – für mich!« Die erregte Stimme war leiser geworden, bei den letzten Worten erstickte sie in einem Seufzer. Der Mann stützte den Arm auf den Tisch und den Kopf in die Hand; man sah es ihm an, wie nah es ihm ging.

Käte saß stumm und blaß. Ihre Augen öffneten sich schreckhaft weit – also das, das hatte er getan, sich Geld geborgt?! Auch das?! Nicht allein, daß er sich betrank, sinnlos betrank – auch das, auch das?! Es konnte ja gar nicht sein – nein! Flehend suchte ihr Blick Wolfgangs Gesicht: er mußte ja verneinen!

»Aber, Papa,« sagte Wolfgang und versuchte zu lächeln, »ich weiß wirklich nicht, wie du mir vorkommst! Ich habe deinen Sozius, der mir’s übrigens mal selber angeboten hat, der mir überhaupt sehr entgegengekommen ist, um ’ne kleine Gefälligkeit gebeten. Ich wollte es ihm gerade wieder schicken –,« er lugte von der Seite den Vater an: wußte der, wieviel? – »morgen schicke ich es ihm!«

»So, morgen!« Es lag Mißtrauen in Schliebens Ton, aber doch eine gewisse Beruhigung, er wollte ja so gern das Beste von seinem Jungen annehmen. »Was hast du noch für Schulden?« fragte er. Und dann kam plötzlich die Furcht über ihn, daß dieser junge Mensch da ihn hinterginge, und in der Angst vor einer Riesenverantwortlichkeit, die er sich auferlegt hatte, sagte er härter, als es eigentlich seine Absicht war, viel härter, als es sich mit seinem Herzen vertrug: »Ich würde dich züchtigen wie einen nichtsnutzigen Buben, wenn ich’s erführe! Meine Hand von dir abziehen – sieh, wie du fertig wirst! Pfui, Schulden, ein Schuldenmacher!«

Käte sah immerfort ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie wollte rufen, ihn unterbrechen: ›Du bist so streng, viel zu streng, so schneidest du ihm ja jedes Geständnis ab!‹ – aber sie brachte nichts heraus. Sie verstummte unter der Last der Befürchtungen, die über sie her stürzten. Voll verzehrender Unruhe hingen ihre Blicke an dem jungen Gesicht, das bleich geworden war.