Wolfgangs Lippen zuckten, es arbeitete in ihm. Er hatte sprechen wollen, schon angesetzt dazu, es eingestehen, daß er mehr verbraucht, als er gehabt hatte. Wäre der Vater nur nicht immer so riesig korrekt! Liebe Zeit, es ist eben nicht zu vermeiden, daß man die Hände voll Geld aus den Taschen zieht, wenn man’s dazu hat! Hier denen, denen sagte er nur zu ungern davon! Sie waren ja im Grunde gute Leute, aber sie hatten eben gar keine Ahnung! Gute Leute –? Nein, das waren sie denn doch nicht!

Nun kam die Empörung. Wie konnte der Vater sich’s einfallen lassen, ihn so anzufahren, ihn abzukanzeln in solchem Tone? Wie einen Verbrecher! Und sie, warum starrte sie ihn denn so an mit Blicken, in denen er etwas wie Verachtung zu lesen glaubte?! Nun, so wollte er sie denn doch noch mehr entsetzen, ihnen ins Gesicht schleudern: ›Natürlich hab ich Schulden, was ist denn dabei?!‹ Aber mitten in der Hitze kam ihm die kühle Berechnung: wie hatte der Vater gesagt? – ›ich würde die Hand von dir abziehen‹ –?!

Wolfgang bekam auf einmal einen großen Schrecken: den hier brauchte er, den hier konnte er doch nicht entbehren! Und so raffte er sich denn auf in schnellem Umschwung: nur nichts eingestehen, nur sich nicht verraten! Er sagte, vom trotzigen Aufbrausen hinübergleitend zur glatten Kühle: »Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst, Papa! Ich habe ja keine!«

»Wirklich keine?« Ernst fragend sah ihn der Vater an, aber aus dem Ernst leuchtete schon die frohe Hoffnung.

Und als der Sohn erwiderte: »Nein!« da streckte er ihm die Hand über den Tisch hin: »Das freut mich!«

Sie waren diesen Abend sehr nett gegen ihn. Wolfgang empfand es mit Genugtuung: nun ja, sie hatten ihm ja auch was abzubitten! Er ließ sich verwöhnen.

Der Vater war froh, förmlich erleichtert, daß nicht noch andres, Schlimmeres zutage gekommen war, und die Mutter hatte, zum ersten Mal seit langen Wochen, die Empfindung, als könne sie den jungen Menschen da doch wieder lieb haben. Ihre Stimme hatte, wenn sie zum Sohne sprach, wieder etwas von dem alten Klang. Und sie sprach viel zu ihm, es war ihr ein Bedürfnis. In all den Wochen hatte sie nicht so viel mit ihm gesprochen. Jetzt war ihr, als wäre ein Quell in ihr zugemauert gewesen, als müsse sich der jetzt ergießen. Er hatte keine Schulden gemacht! Gott sei Dank, er war doch nicht ganz so schlimm! Jetzt tat es ihr leid, daß sie, verdrossen über sein zu spätes Nachhausekommen – Umhertreiben hatte sie’s bei sich genannt –, die Dienstmädchen zu Bett geschickt und kein ordentliches Abendbrot mehr für ihn hatte. Hätte sie sich nicht vor ihrem Mann gescheut, so wäre sie hinab in die Küche gegangen, hätte selber versucht, ihm noch etwas Besseres herzurichten.

»Bist du auch satt geworden?« fragte sie ihn leise.

»Na, es geht!« Er fühlte sein Übergewicht.

Schlieben legte heute seine Zeitung beiseite. Auf das höfliche »Willst du nicht lesen?« des Sohnes schüttelte er abwehrend den Kopf: »Nein, ich habe schon den ganzen Abend gelesen!« Auch er fühlte das Bedürfnis, ja, die lebhafte Verpflichtung, sich freundschaftlich mit dem Sohne zu unterhalten, wenn er auch fand, daß Käte wieder entschieden des Guten zuviel tat. So sich um den Jungen zu bemühen brauchte sie denn doch nicht, unrecht getan hat er auf alle Fälle, die Sache mit Braumüller war nicht zu vergessen, offen hatte er kommen müssen – aber freilich, freilich, es war im Grunde nur eine Dummheit, eine Sache, wie sie unter hundert Fällen neunzigmal vorkommen mochte!