Doch da, halt, da war die Unterschrift! Die war nicht durchrissen, groß und zusammenhängend stand sie unten auf dem Briefbogen:
immer
Deine Frida Lämke!
»Frida Lämke –?!« Käte schrie laut auf vor Überraschung. Frida Lämke – nein, das hätte sie nie gedacht – oder gab es vielleicht zwei gleichen Namens? Dieses blonde Kind, das einst bei ihr im Garten gespielt hatte?! Aber ja, ja, dreiste Augen hatte die immer gehabt!
»Sie kennen die wohl?« fragte die Wirtin, und die Augen funkelten ihr vor Neugier.
Käte gab keine Antwort. Vor sich hinbrütend stierte sie auf den Teppich: war das nun schlimmer – oder war das weniger schlimm? Konnte es nun nicht noch verhindert werden, nun, da sie die Fährte hatte, oder war alles verloren?! Sie wußte es nicht; verständig überlegen konnte sie überhaupt nicht mehr, nicht einmal mehr denken. Sie hatte nur den Trieb: hin, hin zu den Lämkes! Nur hin, so rasch wie möglich hin! Aufspringend sagte sie hastig: »Schon gut, schon gut – danke! Ah, es ist alles in Ordnung!« Und an der verdutzten Frau vorübereilend, hastete sie zur Tür und die Treppe hinunter. Gerade öffnete unten jemand von außen die verschlossene Haustür; so kam sie hinaus.
Nun war sie auf der Straße. So ganz allein hatte sie um diese Zeit noch nie auf der Friedrichstraße gestanden; ihr Mann hatte sie immer begleitet, und war sie einmal allein ins Theater oder Konzert gegangen, hatte er sie immer selber abgeholt oder mindestens von Friedrich abholen lassen. Nun kam sie’s plötzlich wie eine Furcht an, trotzdem die schöne Straße taghell erleuchtet war.
So viele Männer, so viele Frauen! Wie ein Strom flutete es an Käte vorüber, sie wurde mitgerissen. Gleich Wellen umwogten sie Gestalten – raschelnde Frauenröcke, die stark nach Parfüm dufteten, und Herren, Männer, junge und alte, Greise und Jünglinge und kaum dem Knabenalter Entwachsene. Das war ja hier wie ein Korso – was suchten die hier alle?! Das war also das vielgerühmte und amüsante Nachtleben Berlins? Schrecklich war es, o, über alle Maßen abscheulich!
Alles sah Käte auf einmal nur aus dem einen Gesichtspunkt. Bisher war sie ja blind gewesen, ahnungslos wie ein Kind. Der Helm eines Schutzmanns tauchte auf. Sie floh dahin wie eine Gejagte: der konnte ja nicht sehen, daß sie graue Haare hatte, und daß sie eine Dame war! Der hielt sie vielleicht auch für eine solche, für eine von denen hier! Nur fort, fort!
Sie stürzte sich in eine Droschke, sie fiel mehr in den aufgerissenen Schlag, als daß sie hineinstieg. Mit zitternder Stimme nannte sie dem Kutscher ihre Adresse. Eine glühende Sehnsucht überkam sie plötzlich: nach Haus, nur nach Haus! Heim in ihr reinliches, geordnetes Haus, in die Mauern, die wie ein Schutz sie umgaben! Nein, er durfte nicht mehr hinein in ihr reines Haus, seinen Schmutz nicht mit in dessen Räume tragen!