Ganz in eine Ecke geschmiegt, die zuckenden Lider krampfhaft zugepreßt, machte sie die weite Fahrt; heute kam ihr die schier endlos vor. Wie langsam fuhr die Droschke! Ach, was würde Paul sagen, er würde sich ängstigen, daß sie so spät kam!

Und Käte wünschte plötzlich, sich in die Arme ihres Mannes zu flüchten, Schutz zu suchen an seiner Brust. Daß sie gleich hatte zu Lämkes hingehen wollen, hatte sie ganz vergessen. Wie konnte sie auch, es war ja bald Mitternacht, und wer weiß, vielleicht traf sie da auch nur eine Mutter, ebenso unglücklich wie sie selber es war?! Verlorene Kinder – ach, man weiß nicht, was schrecklicher ist: verlorener Sohn – verlorene Tochter?!

Käte weinte bitterlich. Aber als die Tränen unter ihren geschlossenen Lidern sich vorstahlen und über ihre Wangen rannen, wurde sie ruhiger. Nun, da sie den großen Zug der Straße nicht mehr sah, ihr nächtliches Wehen nicht mehr spürte, schwand ihre Furcht. Der Mut wuchs ihr wieder; und mit dem gestärkten Mut wuchs ihr eine Erkenntnis: sie war eben nur eine schwache und ängstliche Frau, er aber war doch ein rüstiger Junge, der ein Mann werden sollte, ein starker Schwimmer. Noch brauchte man nicht ganz zu verzweifeln!

Als die ersten Kiefern der stillen Kolonie rechts und links an ihr vorbeiglitten und der Mondschein ihr auf den Ästen ein reines Weiß zeigte, hatte Käte ihren Entschluß gefaßt: morgen würde sie zu Lämkes gehen und würde mit der Mutter sprechen, und ihrem Manne würde sie vorderhand noch nichts sagen. Dieselbe Scheu, die sie jetzt so oft verstummen ließ vor ihm, kam sie wieder an: er würde ja doch nicht so empfinden, wie sie empfand. Mit rauher Hand vielleicht würde er den Sohn anfassen, und das durfte nicht sein; noch war sie da und berufen, mit linder Hand dem Strauchelnden zu helfen!

Ganz ruhig schritt Käte ihrem Manne entgegen, so gelassen, daß er ihr nichts anmerkte. Aber als sie am nächsten Tag den Weg zu Lämkes antrat, klopfte ihr das Herz doch wieder so zitternd-unruhig wie vordem. Den ganzen Morgen hatte sie gegen Scheu und Kleinmut gerungen; nun war es darüber fast Mittag geworden. Paul hatte ihr beim Frühstück erzählt, daß Wolfgang gestern gar nicht ins Geschäft gekommen, nachdem er den Tag vorher auch nur ganz kurz dagewesen sei. »Ich weiß nicht, was mit dem Jungen los ist,« hatte er gesagt. »Ich bin zu ärgerlich auf ihn. Aber man müßte sich doch wohl mal um ihn kümmern!«

»Das werde ich auch,« hatte sie darauf geantwortet.

Die Füße trugen sie kaum, als sie langsam ihren Weg schlich, zuletzt aber lief sie fast: er war doch ihr Kind lange, lange Jahre gewesen, und sie hatte einen Teil der Verantwortung! Sie fragte sich jetzt nicht mehr, wie sie eigentlich bei Frau Lämke die Unterredung beginnen sollte, sie hoffte, daß der Augenblick ihr das rechte Wort geben werde.

So tappte sie die dunklen Stufen zu Lämkes Portierwohnung hinab und klopfte und trat zugleich ein, ohne das Herein abgewartet zu haben.

Frau Lämke wischte gerade den Boden auf, der Schrubber entfiel ihrer Hand, geschwind ließ sie ihr rundum hochgenommenes Kleid herab: die gnädige Frau, die Frau Schlieben?! Was wollte die denn bei ihr?! Das blasse, mager gewordene Gesicht mit den harmlosen Augen blickte die Eintretende völlig verdutzt an.

»Guten Tag, Frau Lämke,« sagte Käte ganz freundlich. »Ist Ihre Tochter Frida zu Haus? Ich muß sie sprechen!«