Als Frida am andern Morgen ins Geschäft ging – die Uhr war halb acht – sagte sie zur Mutter: »Nu is er fort,« und blieb nachdenklich den ganzen Tag. Lange Wochen hatte sie nicht mit Wolfgang gesprochen gehabt – da war es ihr auch ganz gleichgültig gewesen – aber seit gestern abend war ihr weh ums Herz. Sie dachte viel an ihn, sie konnte ihn gar nicht vergessen.


6

Käte war nun mit dem Sohn allein. Nun hatte sie ihn ganz für sich. Das, was sie früher in eifersüchtigem Ringen erstrebt hatte, nun war es ihr gegeben. Nicht einmal die Natur draußen, die mit so lockenden Augen in die Fenster sah, konnte ihn an sich ziehen. Es erstaunte sie – ja, nun verstimmte es sie fast – daß er nicht mehr Anteil zeigte. Sie fuhren durch die Schweiz – er sah sie zum ersten Mal – aber das, was sie beim ersten Anblick zu Tränen anbetender Bewunderung gerührt hatte, diese hohen Berge, deren Gipfel sich in Schnee und Wolken verloren, zwangen ihm kaum einen Blick ab. Dann und wann sah er wohl einmal zum Coupéfenster hinaus, aber meist lehnte er in seiner Ecke, las oder träumte mit offenen Augen vor sich hin.

»Bist du müde?«

»Nein,« sagte er; bloß ›nein‹, aber ohne die schroffe Kürze, die ihm sonst eigen gewesen war. Es war keine unliebenswürdige Ablehnung mehr in seinem Ton.

Mit besorgten Augen sah Käte den Sohn an: die Reise griff ihn doch wohl an? Es war gut, daß sie mit ihm war! Sie kam sich unentbehrlich vor, und das Gefühl innerer Genugtuung ließ die Anstrengungen der weiten Reise gar nicht empfinden.

In Mailand, wo sie einen Tag rasteten, wollte Wolfgang nicht viel vom Dom wissen. »Ja, großartig,« sagte er, als sie sich am Wunderbau begeisterte. Aber auf die Plattform, von der man heute bei dem hellen Wetter eine kolossale Rundsicht haben würde bis hin zu den fernen Alpen, wollte er nicht mit ihr hinauf. »Geh du allein, laß mich hier!«

Es kam ihr anfänglich komisch vor, daß sie, die alte Frau, hinaufsteigen sollte, während er, der junge Mann, unten blieb. Zuletzt konnte sie der Lust, die sie drängte, das früher schon einmal Genossene, Herrliche wieder neu aufleben zu sehen, doch nicht widerstehen. Sie löste sich die Karte zum Hinaufsteigen, und er klappte sich einen der Feldstühle auseinander, die zum Gebrauch in der weiten Leere des Riesendomes stehen, und ließ sich, den Rücken an eine Marmorsäule gelehnt, nieder.

Ah, hier ruhte sich’s gut! Nach dem Markt draußen mit seinem Gelärm und dem Geschwirr von Tönen und bunten Farben, umfing ihn hier die weihrauchdurchwürzte Dämmerung. Es störte ihn nicht, daß Türen auf- und zuklappten, daß Leute aus- und einzogen in Scharen. Daß hier ein Fremdenführer mit blecherner Stimme seinen Fremden die eingelernte Belehrung herleierte, ganz laut, nicht achtend, daß er dabei fast über die Füße derer stolperte, die auf niedrigen Bänkchen vor einem sitzenden Priester, flüsternd ihre Sünden bekannten. Daß dort einer die Messe zelebrierte – die Meßner knicksten und klingelten – während hier eine Köchin, das an den Beinen zusammengebundene Geflügel neben sich, mit einer Gevatterin schwatzte.