Das alles störte ihn nicht, er bemerkte es gar nicht. Die köstliche Dämmerung umfing seine Sinne, er wurde so schläfrig, so selig müde. Vor seinen verschwimmenden Blicken lächelten alle Heiligen, süße Marien und pausbackige Engelchen, die Amoretten glichen. Es wurde ihm wohlig hier. Der Mailänder Dom, dies Wunder der Welt, verlor seine befremdende Großartigkeit; die weiten Mauern rückten zusammen, wurden eng und traulich und umfaßten doch die Welt. Eine friedvolle Welt, in der Sünder niederknieen und als Reine auferstehen. Eine ungeheure Sehnsucht erfaßte Wolfgang, auch hier niederzuknieen. Ah, da war sie wieder, die Sehnsucht seiner Knabenjahre! Wie hatte er dazumal die Kirche, in die ihn das Mädchen Cilla geführt hatte, geliebt! Er liebte sie noch, er liebte sie wieder, er liebte sie heute mit noch sehnsüchtigerer Liebe als dazumal. Hier war er zu Haus, hier hatte er das warme Gefühl der Zugehörigkeit.
– ›Qui vivis et regnas in saecula saeculorum‹ – – hocherhoben strahlte die goldene Monstranz, tief neigten sich die Beter, seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach, immer schöner, schöner – leise, leiser. Die Lider fielen ihm zu.
Und er sah Cilla. So frisch, so schön wie das Leben selber. O, wie wunderschön! So hatte sie sonst doch nicht ausgesehen?! Er war sich bewußt, daß er träumte, aber er war nicht imstande, den Traum abzuschütteln. Und sie kam ihm ganz nah – o, so nah! Und sie machte das Zeichen des Kreuzes über ihm – leise tönte Orgelmusik – horch, was sprach sie, was flüsterte sie über ihm?! Er wollte nach ihrer Hand greifen, sie befragen, da hörte er eine andre Stimme:
»Wolfgang, schläfst du?«
Kätes Hand hatte sich leise auf seine Hände gelegt, die er gefaltet auf den Knieen hielt. »Ich bin wohl lange oben geblieben? Du hast dich gelangweilt?«
»O nein, nein!« Er sagte es mit Enthusiasmus.
Sie gingen zusammen zum Dom hinaus, aus dem die Orgel hinter ihnen hertönte bis auf den Markt. Käte war ganz begeistert von der genossenen Fernsicht und merkte darüber nicht den heimlichen Glanz, der in Wolfgangs Augen war. Er war still und schien mit allem einverstanden.
Seine Art fing die Mutter fast an zu beängstigen. Das, was sie früher beglückt haben würde – ach, wie hatte sie sich in früheren Jahren nach einem gefügigeren Kinde gesehnt! – stimmte sie jetzt wehmütig. War er am Ende doch kränker, als sie alle ahnten?
Sie waren jetzt an der Küste angelangt, in Sestri. Das waren noch dieselben Pinien, unter denen sie vor achtzehn Jahren als jüngere Frau gesessen und gemalt hatte. Aber ein andres Hotel war seitdem entstanden, ein ganz deutsches: deutscher Wirt, deutsche Bedienung, deutsche Küche, deutsche Gesellschaft, aller Komfort, so, wie Deutsche ihn lieben. Käte hatte sich ganz zurückhalten wollen, nur für Wolfgang leben; nun war es ihr aber doch Bedürfnis, dann und wann mit diesem oder jenem zu plaudern, denn wenn sie auch mit Wolfgang zusammen war, allein fühlte sie sich doch. Was dachte er? Daß er etwas dachte, zeigten ihr seine Stirn und seine Augen; aber er sprach seine Gedanken nicht aus. War er verstimmt – heiter? Fröhlich – traurig? Reute ihn manches und grübelte er darüber nach – oder langweilte er sich hier?! Das alles wußte sie nicht.