Mit einem gewissen Eigensinn zog er sich von allen übrigen zurück. Vergebens ermunterte Käte ihn, mit jungen Mädchen, die einen Partner suchten, Tennis zu spielen; wenn er’s nicht übertrieb, durfte er das immerhin schon wagen. Auch zu Segelfahrten wurde er aufgefordert, aber der Sport schien ihm gleichgültig geworden zu sein.
Meist lag Wolfgang vorn auf der Mole, an deren felsiger Spitze sich das blaue Meer rastlos zu weißem Schaum zerpeitscht, sah hinüber nach der Küste der Ponente, die in rotviolettem Dufte schwimmt, oder blickte zurück nach den nackten Gipfeln der Apenninen, in deren Halbkreis sich die weißen und roten Häuser von Sestri schmiegen.
Wenn die Fischerboote mit schlaffen Segeln wie müde Vögel in den Hafen glitten, stand er auf und schlenderte langsam zum Anlegeplatz ihnen entgegen. Die Hände in den Hosentaschen stand er dann dabei und sah zu, was sie an Fischen ausluden. Viel Beute war es nicht. Dann zog er die Hände aus den Hosentaschen und gab den Fischern, was er an Geld bei sich hatte.
Wenn die Mutter gewußt hätte, was der Sohn dachte! Wenn sie geahnt hätte, daß seine Seele dahinflog mit müden Flügeln wie eine treibende Möwe über uferlosem Meer!
Wolfgang hatte Heimweh. Hier gefiel es ihm nicht. Hier war es viel zu weich, viel zu schön; das langweilte ihn. Nur die Pinien, die streng duftenden, gefielen ihm; die waren doch besser als die Kiefern im Grunewald. Aber Heimweh nach dem Grunewald hatte er eigentlich auch nicht. Es war eben immer dasselbe, ob hier, ob da, ihn quälte immer die Sehnsucht. Wonach – wohin?! Darüber grübelte er. Aber der Mutter hätte er es nicht sagen mögen, denn jetzt sah er’s, daß sie sich um ihn mühte. Und öfters, als er es sonst je in seinem Leben getan hatte, fand er jetzt ein herzliches Wort.
Also endlich, endlich doch! Käte sah ihn oft verstohlen von der Seite an: war das noch derselbe, der sich als Knabe trotzig gegen sie gestemmt, ihre Liebe abgewehrt hatte, all ihre große Liebe?! Dieser hier, dessen Anblick im Mailänder Dom sie so seltsam gerührt hatte, war das noch derselbe, der auf der Schwelle gelegen hatte, betrunken – pfui, so betrunken! Derselbe noch, der so gesunken war, so tief, daß er – ach, gar nicht mehr daran denken!
Käte wollte vergessen; ehrlich mühte sie sich darum. Neulich, als sie ihn im Dom gefunden hatte, an einer Säule sitzend, die Hände gefaltet, die Lider träumerisch geschlossen, da war er ihr so jung vorgekommen, noch rührend jung; seine Stirn war glatt gewesen, alles darauf wie weggewischt. Und sie mußte denken: ob man nicht doch zuviel von ihm verlangt hatte? War man ihm auch immer ganz gerecht geworden? Hatte man ihn so verstanden, wie man ihn hätte verstehen müssen?! In ihrer Seele stiegen Zweifel auf. Sie hatte sich immer für eine gute Mutter gehalten; seit jenem Tag im Dom war es ihr, als hätte sie etwas verfehlt. Was, konnte sie selber nicht sagen. Aber in die Genugtuung, daß der Sohn nun doch zu ihr kam, mischte sich Wehmut und ein reichlich Teil selbstquälerischen Schmerzes. Ah, nun war er ja gut, nun war er wenigstens annähernd so, wie sie sich ihn gewünscht hatte – weicher, lenksamer – aber nun – ach, was hatte sie nun?!
›Wolfgang macht mir doch Sorge,‹ schrieb sie an ihren Mann. ›Es ist so schön hier, aber er sieht es nicht. Mir ist oft bange!‹
Als Schlieben ihr angeboten hatte, auch mitzureisen – er hatte das getan, weil er wünschte, seiner Frau manches abzunehmen – hatte Käte fast ängstlich abgewehrt: nein, nein, es war durchaus nicht nötig! Sie wollte viel lieber mit Wolfgang allein sein, sie hielt es für ihn und für sich so viel ersprießlicher. Nun dachte sie doch viel an ihren Mann und schrieb ihm fast alle Tage. Und wenn es auch nur ein paar Zeilen auf einer Postkarte waren, sie fühlte das Bedürfnis, ein Wort mit ihm zu tauschen. Er, ja er würde es hier so schön finden, wie sie es schön fand! Wie sie es einst vereint schön gefunden hatten! Hier diesen Pfad über die Klippen waren sie einst zusammen geklettert, er hatte ihr die Hand gereicht, sie geführt, damit ihr nicht schwindelte, und mit einem Gefühl wonnigen Grausens hatte sie tief unter sich das blaue gläserne Meer gesehen und hoch über sich den grauen Felsenfirst mit den tiefgrünen Pinien, die das Blau des Himmels küßten. War sie denn in diesen achtzehn Jahren so alt geworden, daß sie sich diesen Pfad nicht mehr getraute zu gehen? Sie hatte es versucht, aber vergeblich, ein jäher Schwindel hatte sie erfaßt. Die Hand war eben nicht da, die sie so fest, so sicher gestützt hatte. Ach ja, damals waren es bessere Zeiten gewesen, glücklichere!
Käte vergaß ganz, daß sie damals etwas so heiß begehrt hatte, daß sie dadurch sich und ihm manche Stunde getrübt, jeden Genuß vergällt hatte. Jetzt sah sie über den Sohn weg, der neben ihr schlenderte, sah mit weichem Blick, in dem noch ein Strahl verlorener Jugend aufglänzte, in die Ferne – ihr guter Mann, er war so allein! Ob er an sie dachte, wie sie an ihn?!