Hinter dem Garten des Marchese liegt der Kirchhof von Sestri. Die weißen Marmormonumente leuchteten durch das Abendgrau; gerade über die Parkmauer weg ragten noch die weißen Flügel eines Riesenengels. Käte blickte zurück: wehte es ihnen nicht von dorther nach wie eine Ahnung – oder war es eine Hoffnung?! Sie wußte nicht, ob Wolfgang so empfand wie sie, ob er überhaupt etwas empfand, aber sie drückte seinen Arm fester, und er erwiderte leise diesen Druck. –
In der Nacht nach jenem Abend im Garten der Villa Piuma hörte sie ihn unruhig in seinem Zimmer auf und nieder gehen. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ihn sich selber zu überlassen – hatte sie sich doch früher allzuviel um ihn gekümmert – aber sie bedachte, daß er noch Patient sei und daß die innere Erregung, in die ihn ihre Erzählung versetzt haben mochte, ihm schaden könnte. Sie wollte bei ihm eintreten, aber seine Tür war verschlossen. Erst auf wiederholtes Klopfen, und als sie ihn inständig bat, ihr zu öffnen, schloß er auf.
»Was willst du?« Es war wieder etwas von dem alten abweisenden Klang in seiner Stimme.
Aber sie ließ sich nicht abschrecken. »Ich dachte, es wäre dir doch vielleicht lieb, noch – nun, noch darüber zu reden,« sagte sie weich.
»Was soll ich tun?!« Er rief’s, rang die Hände und ging wieder mit großen Schritten rastlos im Zimmer auf und ab. »Wenn mir nur einer sagen wollte, was ich jetzt tun soll! Aber das weiß ja keiner! Kann ja auch keiner wissen! Was soll ich tun – was soll ich tun?!«
Bestürzt stand Käte: ach, nun machte er sich solche Gedanken! Sie sah es, er hatte geweint. In sorgendem Mitgefühl hing sie sich an ihn. Was sie lange, ewig lange nicht getan hatte, sie küßte ihn. Und von seinem ›Was soll ich tun?‹ wie von einem gerechten Vorwurf im innersten Herzen erschüttert, bat sie zerknirscht: »Quäle dich nicht! Gräme dich nicht! Wenn du willst, reisen wir hin – wir suchen sie – wir finden sie gewiß!«
Aber er schüttelte den Kopf in heftiger Verneinung und stöhnte: »Das ist ja nun zu spät – viel zu spät! Was soll ich jetzt noch da? Dafür und hierfür« – er machte eine ablehnende Handbewegung – »für alles untauglich! Mutter, Mutter!« Käte mit beiden Armen umschlingend, fiel er schwer vor ihr nieder und preßte das Gesicht in ihr Kleid.
Sie fühlte sein Schluchzen am Zucken seines Körpers, am Krampfen seiner heißen Hände, die ihre Taille umklammerten.
»Wenn ich nur wüßte – meine Mutter – Mutter – ach, Mutter, was soll ich tun?!«
Jetzt weinte er laut heraus, und sie weinte mit ihm in mitleidsvoller Teilnahme. Wenn doch nur Paul hier wäre! Sie selber fand kein tröstendes Wort, sie fühlte sich selber so getroffen, sie glaubte an keine Tröstung mehr. Vor ihr stand eingegraben in großen Lettern, wie Inschriften stehen über Kirchhofstüren, die eine peinvolle, qualvolle Frage: ›Wie soll das enden?!‹