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Käte überlegte sich: sollte sie an ihren Mann schreiben: ›Komm!‹ –? Wolfgang war entschieden wieder nicht wohl. Er klagte nicht, er sagte nur, er könne nachts nicht schlafen, und das mache ihn so müde. Nun wußte sie nicht, war es seelisches Leiden, das ihm den Schlaf nahm, oder körperliches. Sie war in einer großen inneren Unruhe, aber sie verschob das Schreiben an ihren Mann doch noch. Warum sollte sie ihn herjagen, ihn die weite Reise machen lassen? Hier war doch nichts zu helfen! Daß sie ihn für sich, für sich selber herwünschte, das war ihr noch nicht klar. Sie unterließ sogar ein paar Tage das Schreiben an ihn ganz.

Wolfgang lag viel auf dem Ruhebett in seinem Zimmer, bei geschlossenen Läden; er las nicht einmal. Sie kam oft zu ihm herein, um ihm Gesellschaft zu leisten – er durfte sich nicht vereinsamt fühlen! – aber es schien ihr fast so, als bliebe er ebensogern allein.

Wenn sie nun über ihr Buch hinweg im Halbdunkel des Zimmers verstohlen nach ihm schaute, konnte sie doch wiederum gar nicht denken, daß er so krank sei. Es war wohl mehr die Unlust an sich selber, eine Schlaffheit des Wollens, die ihn auch körperlich so apathisch machte. Wenn sie ihn nur aufrütteln könnte! Sie schlug ihm alles mögliche vor: Wagenfahrten die Küste entlang, zu all den herrlich gelegenen Nachbarorten; Touren hinauf ins Gebirge – es war ja unbegreiflich schön, den höchsten Gipfeln der Apenninen so nah, hinabzublicken in die gesegneten Weintäler der cinque terre – Fahrten auf dem Golf, bei denen unterm regelmäßigen Ruderschlag geübter Schiffer das Schiffchen so sanft trägt, daß man kaum die Entfernung vom Lande merkt und doch bald weit draußen auf hoher See schwimmt, auf diesem himmlisch-blauen klaren Meer, dessen Hauch die Seele befreit. Wollte er nicht fischen – es gab ja so entzückende bunte Fischchen hier, die Signorinen und Trillien, die dumm-gefräßig auf jeden Köder beißen –, wollte er nicht auf Fischadler schießen? Sie quälte ihn förmlich.

Aber er wich ihr immer aus; er wollte nicht. »Ich bin heute wirklich zu müde!«

Da ließ sie den italienischen Arzt holen. Aber Wolfgang war ungehalten: was sollte ihm der Quacksalber? Er war so unliebenswürdig gegen den alten Mann, daß Käte sich förmlich schämte. Nun ließ sie ihn gewähren. Was sollte sie ihm denn Liebes tun, wenn er sich nicht Liebes tun lassen wollte?! Sie verzweifelte an ihm. Es drückte sie unsagbar nieder, daß auch die Reise hierher verfehlt schien – ja, sie war es, mit jedem Tage sah sie das mehr ein. Der Reiz der Neuheit, der ihn während der ersten Tage angeregt hatte, war verflogen; nun war’s wieder wie vordem. Noch schlimmer.

Denn nun schien ihm die Luft nicht mehr zu bekommen. Wenn sie zusammen spazierten, stand er oft still und schöpfte Atem, wie einer, dem das Atmen sauer wird. Es wurde ihr oft ganz ängstlich dabei: »Laß uns umkehren, dir ist wohl nicht gut?!« Aber diese Atembeschwerden gingen doch immer wieder so rasch vorüber, daß sie sich ihrer übertriebenen Fürsorge wegen, mit der sie sich viele Jahre vergällt hatte, schalt.

Aber in einer Nacht bekam er einen neuen Anfall, schlimmer als die andern Anfälle, die er schon zu Hause gehabt hatte.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als Käte, die sanft schlief, eingewiegt vom steten Rauschen des Meeres, durch ein Pochen an der Tür, die ihre beiden Zimmer verband, aufgeschreckt wurde. Und durch ein Rufen: »Mutter, ach Mutter!« Jammerte da nicht ein Kind?! Schlaftrunken richtete sie sich auf – da erkannte sie seine Stimme.