»Wolfgang, ja, was ist dir?« Erschrocken warf sie ihren Morgenrock über, schlüpfte in die Samtschuhe, öffnete – da stand er vor ihrer Tür, im Hemde, auf bloßen Füßen, zitterte und stammelte: »Mir ist – so schlecht!« Sah sie mit angstvollen Augen flehend an und fiel, ehe sie noch zufassen konnte, ihn zu halten, schon um.

In ihrer Angst riß Käte fast die Klingel ab. Portier und Zimmermädchen kamen. »An meinen Mann, an meinen Mann depeschieren: ›Komm!‹ Rasch, sofort!«

Als der erschrockene Wirt auch erschien, legten sie den Kranken wieder auf sein zerwühltes Bett; der Portier stürmte zu Telegraphenamt und Arzt, das Zimmermädchen schluchzte. Der Hotelier eilte selber in seinen Keller, um vom ältesten Kognak, vom besten Champagner zu holen. Der junge Mensch tat ihnen allen so unbeschreiblich leid; er schien in einer tiefen Ohnmacht zu liegen.

Käte weinte nicht, wie die gutmütige Person, das Zimmermädchen, dem in einem fort die Tränen über die Backen liefen. Sie hatte zu vieles zu beachten, sie hatte ihre Pflicht zu tun bis zum Schluß. Zum Schluß – jetzt wußte sie’s. Es bedurfte nicht des Kopfschüttelns des Arztes, nicht seines geheimnisvollen Flüsterns mit dem Hotelier. Medikamente wurden aus der Apotheke gebracht; man bettete den Kopf des Erkrankten tiefer, die Füße höher, man machte Kampfereinspritzungen – das Herz ließ sich nicht mehr anpeitschen.

Käte verließ ihn nicht; sie stand dicht an seinem Bett. Glorreich hob sich eben draußen das goldene, unbesiegliche, ewige Licht aus den Wellen, da lallte er noch einmal etwas. Sie beugte sich dicht über ihn, so dicht, wie sie es einstmals über den schlafenden Knaben getan, da es sie gedrängt hatte, ihm Odem von ihrem Odem einzuhauchen, ihn für sich umzubilden, Leben aus ihrem Leben. Nun hatte sie diesen Wunsch nicht mehr. Nun gab sie ihn frei. Und wenn sie sich jetzt so nah zu ihm neigte, so hingebend an seinen Lippen hing, so war es nur, um seinen letzten Wunsch zu vernehmen.

»Mut–ter?!« Es klang so fragend. Weiter sagte er nichts mehr. Er öffnete nur noch einmal die Augen, sah suchend um sich, seufzte und verschied.


Von außen lachte die Sonne herein. Und die Frau, die jetzt am Fenster stand und mit trockenen Augen hinaus in den Glanz sah, in den erquickenden, herrlichen Morgen, der leuchtender war als einer je zuvor, fühlte sich bezwungen von der Kraft der Natur. Die war so groß, so erhaben, so unwiderstehlich – vor der Natur mußte sie sich bewundernd beugen, so umflort auch ihr Blick war. Lange, lange stand Käte sinnend: draußen war das Leben, hier innen war der Tod. Der Tod aber ist der Übel größtes nicht! Mit einem zitternden Aufseufzen wandte sie sich und trat zurück ans Bett: »Gott sei Dank!«

Nun sank sie vor dem Toten in die Kniee, faltete seine kalten Hände und küßte sie.

Sie hörte es nicht, daß leise angepocht wurde.