Er hatte Einwendungen gemacht, Ausflüchte, aber sie hatte für alles schlagfertige Antworten bereit: was noch lange überlegen? Man würde doch zu keinem andern Resultat kommen! Und wie er nur denken konnte, daß die Frau das Kind vielleicht nicht geben würde? Wenn sie’s nicht liebte, gab sie’s gern, und wenn sie es liebte, würde sie es erst recht gern geben und Gott danken, es so gut versorgt zu wissen.
»Aber der Vater, der Vater, wer weiß, ob der damit einverstanden ist?!«
»Ach, der Vater! Wenn die Mutter es gibt, der Vater sicherlich! Ein Brotesser weniger ist bei so armen Leuten immer ein Glück. Das arme Kind, es wird vielleicht sterben aus Mangel an Nahrung, während es bei uns so gut« – sie unterbrach sich – »ist es nicht wie eine Fügung, daß gerade wir ins Venn kommen, gerade wir es finden mußten?«
Er fühlte, daß sie ihn beredete, und er sträubte sich innerlich dagegen: nein, wenn sie sich denn schon von ihrem Gefühl so fortreißen ließ – sie war eben eine Frau –, so mußte er doch, als Mann, den Verstand über das Gefühl setzen!
Und er hatte ihr alle Bedenken aufgezählt, wieder und wieder, und als Letztes ihr gesagt: »Du ahnst gar nicht, in welchen Zwiespalt du dich selber bringst! Wenn nun die Neigung, die du für das Kind zu empfinden glaubst, nicht standhält?! Wenn es sich dir nicht sympathisch entwickelt?! Bedenke, es ist und bleibt immer das angenommene Kind!«
Aber da war sie fast zornig aufgefahren: »Wie kannst du so etwas sagen?! Glaubst du, ich bin engherzig?! Eigen geboren oder angenommen, das ist ganz gleich, denn es wird mir angeboren durch die Erziehung. Ich werde es mir erziehen. Das ›Ausdemselbenblutesein‹ macht’s doch nicht! Bloß weil ich’s geboren habe, darum soll ich ein Kind lieben?! O nein! Ich liebe das Kind, weil – weil – nun, weil es so ganz auf mich angewiesen ist, weil es so klein ist, so unschuldig, weil es unendlich süß sein muß, wenn so ein hilfloses Geschöpfchen die Armchen nach einem ausstreckt!« Und sie breitete die Arme aus und schloß sie dann an ihre Brust, als hielte sie so schon ein Kind am Herzen. »Du bist ein Mann, du verstehst das eben nicht. Aber du willst mich doch so gerne glücklich machen – mach mich jetzt glücklich! Lieber, geliebter Mann, du wirst ja so rasch vergessen, daß er nicht unser Eigengeborener ist, es bald gar nicht anders mehr wissen. ›Vater, Mutter‹ wird er zu uns sagen – und wir werden Vater und Mutter sein!«
Wenn sie recht hätte! Von einer seltsamen Empfindung durchrieselt, schwieg er. Und warum sollte sie nicht recht haben?! Ein Kind, daß man vom ersten Lebensjahre an ganz auf seine Weise erzieht, das man vollständig auslöst aus den Verhältnissen, in denen es geboren worden ist, das nicht anders weiß, als daß es seiner jetzigen Eltern Kind ist, das da denken lernt mit ihrem Denken und fühlen mit ihrem Fühlen, das kann nichts Fremdes mehr haben. Das wird ein Teil des ureigensten Ichs, wird einem so lieb, so teuer, als hätte man’s selber gezeugt!
Vor des Mannes Herzen stiegen Bilder auf, deren Anblick er nicht mehr erhofft, nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Er sah sein lächelndes Weib, auf dessen Schoß ein lächelndes Kind; er sah sich selber lächeln und fühlte einen nie gekannten Stolz bei dem kindlich-zärtlichen Lallen: ›Va–ter!‹ Ja, Käte hatte schon recht, alles, was man sonst Glück nennt, ist nichts gegen dieses Glück. Nur ein Vater, eine Mutter wissen, was Freude ist!
Er küßte seine Käte, und dieser Kuß war schon halbe Zustimmung, das hatte sie gefühlt.
»Laß uns morgen hinfahren, morgen, gleich früh!« bat sie, unterdrückten Jubel im Ton.