Er bemühte sich, gelassen zu bleiben: nein, erst mußte man die Sache, nach eigner, reiflicher Überlegung, in Berlin mit dem Anwalt und auch mit sonstigen Vertrauensleuten besprechen!

Darüber geriet sie außer sich; halb schmollte sie, halb lachte sie ihn aus: war denn dies hier eine Geschäftssache? Was ging den Anwalt und andere Leute ihre tiefste, persönlichste Herzenssache an?! Niemand war darum zu befragen, niemand sollte sich da hineinmischen! Kein Mensch durfte ahnen, woher das Kindchen kam, von wem es abstammte! Sie, sie beide waren seine Eltern, sie kamen für es auf, sie waren sein Anfang und die Bürgen für seine Zukunft – ihr Werk, ganz ihr Werk war dieses Kind!

»Morgen holen wir es gleich! Je eher es aus dem Schmutz und der Verkommenheit herauskommt, desto besser – nicht wahr, Paul?« Sie ließ ihn gar nicht mehr zu Worte kommen, sie überschüttete ihn in sprudelnder Lebendigkeit mit Plänen und Vorschlägen; und ihr Überschwang schwemmte seine Bedenken mit fort.

Man kann auch zu bedenklich sein, zu übertrieben vorsichtig und sich so jede Lebensfreude verbittern, das sagte er sich. Was taten sie denn Außergewöhnliches? Sie hoben nur etwas auf, was ihnen vor die Füße gelegt worden war; sie gehorchten so einem Wink des Schicksals. Und da waren wirklich auch gar keine Schwierigkeiten. Wenn sie’s selber nicht verrieten, würde niemand die Herkunft des Kindes erfahren, und hier wiederum würde nicht groß Nachfrage nach dessen Verbleib sein. Es war ein namen-, ein heimatloses Etwas, das sie an sich nahmen und aus dem sie machten, was sie daraus machen wollten. Später, wenn man das Alter dazu hatte, adoptierte man dann den Kleinen in aller Form und legte so auch in Akten fest, was man im Herzen längst getan hatte. Jetzt galt es nur noch, den Gemeindevorsteher von Longfaye aufzusuchen und mit seiner Unterstützung die Abtretung seitens der Eltern zu erlangen!

Als Schlieben zu einem Entschluß gekommen war, plagte ihn gleiche Unruhe wie seine Frau. Diese stöhnte: wenn es doch erst morgen wäre! Wenn ihr nun jemand zuvorkäme, wenn das Kind nicht mehr da wäre morgen?! Sie warf sich rastlos hin und her in Ungeduld und Bangigkeit. Aber auch Schlieben wälzte sich schlaflos von einer Seite zur andern. Ob das Kind auch gesund war?! Einen Augenblick überlegte er besorgt, ob es nicht geraten sei, den Badearzt von Spaa ins Vertrauen zu ziehen – der könnte mitfahren und den Kleinen vorerst untersuchen – aber dann verwarf er diesen Gedanken wieder: das Kind sah ja so kräftig aus! Er rief sich die derben Fäustchen zurück, den klaren Blick der blanken Augen – auf nacktem Boden, bei Kälte und Wind, ohne Schutz hatte es gelegen – es mußte eine Kernnatur haben. Darüber konnte man ruhig sein. –

Es war noch sehr früh am Morgen gewesen, als das Ehepaar sich aufgerafft hatte – müde, wie zerschlagen an allen Gliedern – aber von einer Art fröhlicher Entschlossenheit getrieben.

Käte lief im Hotelzimmer hin und her, so geschäftig, so freudig erregt wie jemand, der einen lieben Gast erwartet. Sie war so sicher, daß sie das Kind gleich mit herbringen würden. Jedenfalls wollte sie anfangen, die Koffer zu packen, denn wenn man das Kind hatte, dann nur nach Hause, so schnell als möglich nach Hause! »Das Hotel ist nichts für solch einen kleinen Liebling. Der mußte sein Kinderzimmer haben, einen freundlichen Raum mit geblümten Gardinen – nur dunkle nebenbei zum Vorziehen, um das Licht beim Schlafen zu dämpfen – sonst alles hell, leicht, luftig. Und eine Babykommode muß darin stehen mit den vielen Fläschchen und Näpfchen, und sein Badewännchen, sein Bettchen mit den weißen Mullvorhängen, hinter denen man ihn liegen sehen kann mit roten Bäckchen, die Fäustchen am Kopf, und fest schlummern!«

Sie war so jugendlich, so liebenswürdig in ihrer erwartungsvollen Freude, daß sie ihren Mann entzückte. Schien nicht der Sonnenschein, auf den er so lange vergeblich geharrt hatte, jetzt kommen zu wollen?! Er ging schon dem Kinde vorher, fiel heiter verklärend auf dessen Weg. –

Die Eheleute waren beide bewegt, als sie gen Longfaye fuhren. Einen bequemen Landauer mit schließbarem Verdeck hatten sie heute genommen statt des leichten Zweisitzers, in dem sie sonst ihre Touren zu machen pflegten. Es könnte auf dem Rückweg zu kalt für den Kleinen werden! Decken und Mäntel und Tücher waren eingepackt, eine ganze Auswahl.

Schlieben hatte sich mit seinen Papieren versehen; man würde wohl kaum einen Ausweis von ihm verlangen, aber der Sicherheit halber, um einer etwa dadurch entstehenden Verzögerung vorzubeugen, steckte er sie ein. Man hatte ihm den Gemeindevorsteher von Longfaye als einen ganz verständigen Mann genannt, so würde sich denn alles glatt abwickeln.