Wie die Ebereschen zu seiten der Straße unter der herbstlichen Last roter Beeren ihre Kronen senkten, so senkten sich auch die Häupter der beiden Menschen unter einer Flut von hoffnungsvollen Gedanken. Rasch flogen die Bäumchen am rollenden Wagen vorbei, rasch alle Etappen des Lebens am bewegten Gemüt. Fünfzehn Ehejahre – lange Jahre, wenn man wartet – erst mit Zuversicht, dann mit Geduld, dann mit Zaghaftigkeit, dann mit Sehnsucht – mit Sehnsucht, die von Jahr zu Jahr heimlicher wird, und in der Heimlichkeit immer brennender! Nun war die Erfüllung nah, freilich anders, als liebende Gatten sie sich ausmalen; aber doch eine Erfüllung.
Unabweislich kam der Frau das alte Bibelwort in den Sinn: ›Und als die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn‹ – o, dieses Kind aus der Fremde, aus dem Unbekannten, aus dem Lande, das nicht Acker noch Früchte hat und nicht gesegnet ist mit reichen Ernten, dieses Kind war eine Gabe des Himmels, ein Geschenk seiner Güte! Sie beugte ihr Haupt wie gesegnet, des Dankes voll.
Und der Mann drückte leise die Hand seiner Frau, und sie erwiderte den Druck. Hand in Hand blieben sie sitzen. Sein Blick suchte den ihren, und sie errötete. Jetzt liebte sie ihn wieder wie im ersten Jahr ihrer jungen Ehe – nein, jetzt liebte sie ihn noch um vieles mehr, denn jetzt, jetzt schenkte er ihr das Glück ihres Lebens: das Kind!
Selig schweifte ihr Blick übers arme Vennland, das braun und öde schien und doch ein Märchenland war voll der herrlichsten Wunder.
»Hab ich’s nicht gewußt?!« murmelte sie triumphierend und doch zusammenschauernd in einer fast abergläubischen Regung. »Ich hab’s gefühlt – hier – hier!«
Sie konnte es kaum erwarten, bis sie das Venndorf erreichten. Ach, wie lag das abseits aller Welt, so ganz vergessen! Und so arm! Aber die Armut schreckte sie nicht und die aus der Armut entspringende Unsauberkeit auch nicht; sie nahm ihn ja jetzt mit fort von hier, brachte ihn in Kultur und Wohlleben, und daß er einmal auf nacktem Boden gelegen hatte statt in weichem Bettchen, das würde er nun und nimmer ahnen. Sie dachte an Moses: wie der gefunden worden war im Schilf des Nils, so hatte sie ihn gefunden im Gras des Venns – ob er ein großer Mann würde wie jener?! Wünsche, Gebete, Hoffnungen und hundert Gefühle, die sie früher nicht gekannt hatte, bewegten ihr Herz. –
Schlieben hatte Mühe, sich dem Gemeindevorsteher verständlich zu machen. Nicht daß der Mann ein Wallone gewesen wäre, der schlecht Deutsch verstand – Niklas Rocherath aus dem Haus ›Zur guten Hoffnung‹, so genannt, weil man’s, als das ansehnlichste des Dorfes, weit vom Venn her erblicken konnte, war gut deutsch – aber er begriff den Herrn nicht.
Was wollte der mit dem Jean-Pierre von der Lisa Solheid? Annehmen an Kindes Statt?! Ganz verdutzt sah er drein, und dann war er beleidigt: nein, wenn er auch ein simpler Bauer war, zum Narren halten ließ er sich von dem Herrn drum doch nicht!
Erst allmählich gelang es Schlieben, ihn von der Ernsthaftigkeit seiner Absicht zu überzeugen. Aber immer noch rieb der Alte bedenklich das stopplige Kinn und sah mißtrauisch auf die, die so hergeschneit kamen in seine Einsamkeit. Erst als Käte, von der langen Auseinandersetzung ermüdet und gequält, ihn ungeduldig beim Arm ergriff und ihm, fast gereizt und mit Heftigkeit, ins Gesicht schrie: »So begreifen Sie doch! Wir haben kein Kind, wir wollen aber ein Kind – begreifen Sie’s nun?!« – da begriff er.
Kein Kind – o weh! Kein Kind – da weiß man ja gar nicht, für was man lebt! Nun nickte er verständnisvoll; und mitleidig auf die Frau blickend, die so reich war, so fein angetan und doch keine Kinder hatte, zeigte er sich viel zugänglicher. Also der Jean-Pierre von der Lisa Solheid hatte ihnen so gut gefallen, daß sie sich den mitnehmen wollten bis nach Berlin? Was der Jung für ein Glück hatte! Die Lisa würde es gar nicht glauben wollen. Zu gönnen war der’s freilich, so arm wie die war keiner hier, die wußte manchen Tag nicht, wie sie sich und ihre fünf satt machen sollte. Früher, als ihr Mann noch lebte –