Was, der Mann lebte nicht mehr?! Sie war Witwe?! Wie befreit aufatmend unterbrach Schlieben den Gemeindevorsteher. Er hatte, wenn er auch nicht darüber gesprochen hatte, vor dem Vater beständig eine geheime Furcht gehabt: wenn der nun ein Schnapstrinker wäre oder sonst ein Tunichtgut?! Nun fiel ihm eine Last von der Seele – der war tot, der konnte nicht mehr schaden! Oder war er am Ende an einer Krankheit gestorben, an einem zehrenden Leiden, das sich auf Kinder und Kindeskinder vererbt?! Schlieben hatte sagen hören, daß die Nebel des Venns und seine plötzlichen Temperaturwechsel leicht der Lunge und dem Hals verderblich werden – dazu schwere Arbeit und schlechte Ernährung – der junge Mann war doch nicht etwa gar an der Schwindsucht gestorben?! Ängstlich forschte er.

Aber Niklas Rocherath lachte: nein, von einer Krankheit hatte der Michel Solheid zeitlebens nichts gewußt und war auch an keiner gestorben. Zu Verviers hatte er gearbeitet, in der Maschinenfabrik, schwarz berußt und nackt bis zum Gürtel; dem waren Kälte und Hitze ganz einerlei gewesen. Und alle Samstag war er herübergekommen von Verviers und war den Sonntag bei seiner Familie geblieben. Und es war Samstag vor Peter und Paul gewesen, jetzt etwas über ein Jahr her, da hatte der Michel von dem, was er in Überstunden verdient hatte, seiner Frau eine Speckseite gekauft und ein oder zwei Pfund Kaffee, denn –

»Ihr müßt wissen, Hähr, dat is hier viel zu teuer für uns un über der Jrenz viel billiger,« sagte der alte Mann bekümmert, hob dann langsam die Faust und drohte hinüber zum Venn, das ruhig und weltfern dalag. »Da waren se ihm aber bald auf den Fersen. Von der Baraque an waren sie als hinter ihm drein – die verdammte Cammise![5] Ihrer drei, vier. Nu müßt Ihr wissen, dat de Michel laufen konnt wie nur einer. Wenn de seinen Pack hinter den Busch geschmissen hätt und hätt sich am laufen gehalten, den hätten se mein Lebtag nich jekriegt. Aber ne, dat wollt he nich, da hätt he sich doch für sich selber jeschämt. Um sich nu nich zu verraten, wohin he eijentlich jing, rannt he statt nach rechts nach links ab durch ’t Wallonische Venn, der Hill nach. Durch Elefay un Neckel,[6] so immer die Kreuz un die Quer, un kam nu so janz aus der Jejend heraus, wo he Bescheid wußt wie in seiner Tasch. Ober dem Pannensterz waren se ihm dicht auf den Hacken. Un se waren hinter ihm am Schreien: ›Steh!‹

»Seht Ihr, Hähr, wär he nu in die Jroße Haard jelaufen un hätt sich da im Dickicht verborjen, so hätten se ihn ohne Hund nie jefunden. Aber nu war he verwirrt un rannt aus dem Busch eraus, blank über et Venn.

»›Halt!‹ – ›Steh!‹ – un zum dritten Mal: ›Halt!‹ Aber er sprung wie ’ne Hirsch. Da drückt einer los un

– Jesus Christus erbarme dich, jetzt und in der Stunde unsers Todes!« – der Gemeindevorsteher schlug andächtig ein Kreuz und wischte sich dann mit dem Handrücken unter der schnüffelnden Nase her – »de Schuß fuhr durch die Speckseit in den Buckel, hinten erein, vorn eraus. Da schlug de Solheid den Kuckeleboom.[7] En Schand war et: um en Speckseit, so ’ne staatse Kerl!

»He hat noch en starke Stund jelebt. He sagt noch, dat he de Solheid aus Longfaye wär und dat se sein Frau holen sollten.

»Ich war den Tag jrad am Heckenscheren, da kam einer jerannt. Un ich macht mich auf mit der Lisa, die war damals im sechsten Monat met ’m Jean-Pierre. Aber als mir hinkamen, war et schon zu spät.

»Se hatten ihn liejen, nich weit vom jroßen Kreuz. Se hatten ihn tragen wollen bis Ruitzhof in en Haus, aber he saat: ›Laßt mich – hier will ich himmelen!‹[8] Un hatt in de Sonn jekuckt.

»Hähr, die stand am Himmel so jroß un rot de Tag – so jroß – wie se einst wird stehen am Tage des Jerichts! Hähr, he war janz in Schweiß un Blut – Stunden waren se mit ihm jejagt – aber an der Sonn hatt he noch sein Freud!