Ja – die Beobachtenden wechselten einen raschen Blick – und jetzt antwortete sie auch! Lebhafter, als man es bei ihrer verdrossenen Art vermutet hätte.
Lisa Solheid hob den Arm und wies nach ihrer Hütte, darinnen der Kleine noch immer unerhört schrie. Rauh klang ihre Rede, in einem schier barbarischen Dialekt, man verstand nichts davon, nur ab und zu ein französisches Wort. Auch der Gemeindevorsteher sprach wallonisch. Sie wurden beide lebhaft, erhoben ihre Stimmen und redeten laut gegeneinander an; fast klang es wie Zank.
Sie schienen nicht einig zu werden! Käte lauschte in verhaltner Angst. Würde sie es geben? Würde er’s von ihr losbekommen?!
Heimlich zupfte sie ihren Mann. »Biete mehr, gib ihr doch mehr, hundert Taler sind viel zu wenig!« Und dem Bauer da mußte er auch etwas versprechen für seine Bemühung. Hundert, zweihundert, dreihundert, hundert mal hundert waren nicht zu viel! Ach, wie das arme Kindchen schrie! Es litt sie fast nicht mehr so tatenlos vor der Schwelle.
Die Geschwister des kleinen Jean-Pierre – ein schönes Mädchen mit wirren Haaren und drei jüngere Knaben – standen, den Finger im Mund, die schmutzigen Näschen ungewischt, und rührten sich nicht vom Fleck.
Da fuhr die Mutter sie an: »Heela,« und sie stoben davon, eines fast über das andre purzelnd. Aus der kleinen Höhlung unter der Schwelle scharrten sie den Schlüssel vor, und die Größte stieß ihn ins rostige Schloß und drehte ihn, auf den Zehen stehend, mit aller Kraft ihrer beiden Händchen um.
Die Solheid wandte sich nun gegen die Fremden; ihre hagere braune Rechte machte eine einladende Bewegung: »Entrez!«
Sie traten ein. Innen war’s so niedrig, daß Schlieben den Kopf bücken mußte, um ihn nicht wider die Balkendecke zu stoßen, und so dunkel, daß sie geraume Zeit brauchten, bis sie nur irgend etwas unterscheiden konnten. Ärmlicher konnte es nirgendwo sein – alles in allem ein einziger Raum. Der Herd war von rohen Steinen kunstlos gemauert, darüber hing vom geschwärzten Balken an eiserner Kette der Kessel herab; offen stieg der Qualm der langsam schwelenden Torfglut hinauf in den rußigen Rauchfang. Ein paar irdene Teller im Schlüsselbrett – buntblumig aber rissig – ein paar verbeulte Zinngefäße, ein Melkeimer, ein hölzerner Bottich, eine lange Bank hinterm Tisch, auf dem Tisch ein halber Laib Brot und ein Messer, wenige Kleider an Nägeln, in die Wand halb hineingebaut das Ehebett, darin jetzt wohl die Witwe mit den Kindern schlief, und davor die plumpe Holzwiege des kleinen Jean-Pierre – das war alles.
Wirklich alles? Von einem Frösteln im dämmerkalten, kellerdumpfen Raum geschüttelt, sah sich Käte um. O, wie trostlos arm! Da war kein Schmuck, keine Zier! Doch, dort ein schreiend buntes Marienbildchen – ein roher Farbendruck auf dünnem Papier – ein Weihwasserkesselchen aus weißem Porzellan darunter – und dort, auf der andern Seite der Wand, dicht beim Fenster, so daß das wenige Licht darauf fiel, ein Soldatenbild. Unter Glas und Rahmen, in drei Abteilungen, dreimal derselbe Infanterist. Links: das Gewehr geschultert, auf Posten vorm schwarz-weißen Schilderhaus – rechts: marschbereit, Tornister und Kochgeschirr aufgeschnallt, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, Gewehr bei Fuß – in der Mitte: in Parademontur ein Gefreiter, die Hand grüßend an den Helm gelegt.
Ah, das sollte wohl der Mann sein, Michel Solheid als Soldat?! Einen scheuen Blick warf Käte auf das Bild – der da, der war ja erschossen worden beim Schmuggeln auf dem Venn! Wie schrecklich! Sie hörte wieder den Alten erzählen, sah den blutenden Mann im Heidekraut liegen, und das Grausen des Abenteuerlichen rüttelte sie. Ihr Blick glitt wieder und wieder hin zu dem Bilde, dem üblichen Soldatenbild, das in seiner stereotypen Nichtigkeit so gar nichts sagte, und von da zu der Wiege des kleinen Jean-Pierre: ob der viel vom Vater hatte?!