Schlieben hatte gewartet, daß seine Frau das Wort nehmen sollte – sie würde ja am besten wissen, wie mit der andern zu reden sei – aber sie schwieg. Und der Gemeindevorsteher sagte auch nichts; nun er die Verhandlungen eingeleitet hatte, hielt er es für höflich, dem Herrn das Wort zu lassen. Und die Solheid sprach auch nicht. Sie scheuchte nur mit einer stummen Gebärde die Kinder, die sich mit Gier über das harte Brot auf dem Tisch hermachen wollten. Dann stand sie still bei der Wiege; ihre Rechte, die noch das Beil vom Holzspalten hielt, hing schlaff herunter am armseligen Rock. Finster war ihr Gesicht, unnahbar, und doch spiegelte sich ein Kampf darin.
Schlieben räusperte sich. Er hätte es lieber gehabt, wenn ein andrer für ihn die Sache erledigt hätte, aber da dieser andre nicht da war, der Gemeindevorsteher ihn nur erwartungsvoll anblickte, so sah er sich gezwungen, zu sprechen. Mit einer Freundlichkeit, die wie Herablassung erscheinen mochte und doch nur Verlegenheit war, sagte er: »Frau Solheid, der Gemeindevorsteher wird Ihnen gesagt haben, was uns zu Ihnen führt – verstehen Sie mich, gute Frau?«
Sie nickte.
»Wir haben die Absicht, Ihr jüngstes Kind an« – er stockte, sie hatte eine Bewegung gemacht, als wolle sie verneinen – »an Kindes Statt anzunehmen, adopter! Sie verstehen!«
Sie antwortete nicht; aber er fuhr fort, so rasch, als habe sie ›ja‹ gesagt: »Wir werden es halten, als wenn es unser eigenes wäre, es wird es so gut haben, wie Sie es ihm natürlich nicht geben können, und wir –«
»O, und wir werden es so lieb haben!« fiel Käte ihm ins Wort.
Das schwarze Weib drehte langsam den Kopf nach der Seite, wo die blonde Frau stand. Es war ein seltsamer Blick, der die Fremde maß, die jetzt näher zur Wiege herangekommen war. War’s ein prüfender Blick, ein abwehrender, ein freundlicher oder unfreundlicher?!
Käte sah mit verlangenden Augen nach dem Kinde. Das weinte jetzt nicht mehr, es lächelte jetzt sogar, und jetzt – jetzt reckte es die Ärmchen! O, es war schon so klug, es sah sie an, merkte bereits, daß sie ihm gut war! Es versuchte sich aufzurichten – ah, es wollte zu ihr, zu ihr!
Das Rot der Freude schoß ihr zu Kopf, schon streckte sie die Hände aus, das Kleine aufzunehmen, da schob sich wie eine Wand die Mutter vor die Wiege.
»Neni,«[9] sagte die Wallonin hart. Abwehrend hob sie die freie Linke. Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn des Kindes, und dann auch auf seine Brust.