Aber warum denn nicht, warum wollte sie es denn nun auf einmal nicht geben?! Käte zitterte vor Schreck. Flehend suchte ihr Blick den ihres Mannes: hilf du mir! Ich muß, ich muß das Kind haben!
Und Schlieben sagte jetzt, was er schon vorhin hatte sagen wollen, als seine Frau ihm ins Wort gefallen war: »Wir stellen die Zukunft Ihres Kindes sicher. Wissen Sie, was das heißt, gute Frau? Es wird nie Sorge ums tägliche Brot haben – nie hungern müssen! Nie arbeiten müssen, um sein Leben zu fristen – nur arbeiten aus Freude an der Arbeit! Verstehen Sie?!«
Arbeiten – aus Freude an Arbeit?! Verständnislos schüttelte das Weib den Kopf. Aber dann fiel ihm ein: nie hungern! – und ein Licht glomm in seinem stumpfen Blick auf. Nie hungern – ei, das verstand die Witwe wohl, und doch schüttelte sie wieder verneinend den Kopf: »Neni!«
Sie zeigte auf sich und die andern Kinder und dann mit einer umfassenden Bewegung hinaus aufs große Venn: »Nos avans tortos faim!«[10] Sie zuckte die Achseln mit dem Gleichmut der Gewöhnung, und es schien sogar, als ob sie lächeln wollte; die Mundwinkel ihres verdrossenen Mundes hoben sich ein wenig, ihre sonst herbgeschlossenen Lippen ließen die kräftigen, gesunden Zähne sehen.
Der Gemeindevorsteher mischte sich jetzt ein: »Lisa, wahrhaftiges Jotts, dat is doch kein Pläsier, zu hungere! Sackerment, dat du so jeckelig bis! De Jung, de kömmt ja aus der Höll in der Himmel. Wat ich dir schon jesagt hab: die Herrschafte sin reich, sehr reich, un se sin jeck op dat Kind, – rasch, jib et ihnen, du has ’r ja noch vier!«
Noch vier! Sie nickte nachdenklich, aber dann warf sie den Kopf in den Nacken, und ein Blick – jetzt war er deutlich, es flackerte darin etwas wie Haß – schoß zu der andern hinüber, die da stand so reich, so fein, mit Ringen an den Fingern, und nach der ihr Jean-Pierre guckte. »Neni!« Sie sagte es noch einmal und noch abweisender und noch hartnäckiger denn zuvor.
Aber der Gemeindevorsteher war zäh, er kannte hier die Art. »Du wirs es dir überlejen,« sprach er überredend. »Un wenn ich dir sage, daß se dir reichlich jeben werden – nich wahr?« wandte er sich fragend an Schlieben. »Habt Ihr nich jesagt, da es Euch nich ankömmt op ’n Stück Jeld bei so ’ner armen Frau?!«
»Nein, gewiß nicht,« versicherte Schlieben. Und Käte war wieder voreilig: »Es kommt uns gar nicht darauf an – von Herzen gern, was sie verlangt – ach, das liebe Kind!«
»Dju n’ vous nin,«[11] murrte die Solheid.
»Du wills nich?! Ä wat!« Der alte Bauer lachte sie fast aus. »Du bis ja wie mein Maiblum, wenn die nich stehn will un mit dem Hinterbein jegen der Melkeimer haut! Stoß die Leut doch nit vor der Kopp! Wat haste dann, wenn se nu fortjehn un sin des satt?! Jar nix! Dann haste ’r fünf, die ›Brot‹ schreien, un der Winter is für der Tür? Willste wieder so ’ne Winter zubringen wie der vorige? Is dir der Jean-Pierre da nich bald befrore? Die vier andern sin schon jrößer, die bringste besser durch. Un du könnts dir en Kuh anschaffen – denk ens, en Kuh! Un du könnts dir en besser Dach op et Haus setzen lassen, wat der Regen un der Schnee nich durchläßt, un könnts auch Jrumbieren jenug han. Sicher en jut Jeschäft, Lisa!«