Käte wollte noch etwas hinzufügen – ah, was wollte sie der Frau nicht alles Gutes tun, wenn die ihr nur das Kind überließ! – aber ein Räuspern des Alten und ein heimliches Zublinzeln seiner Augen mahnten sie, stille zu sein.
»Kubin m’è dinroz – ve?«[12] fragte jetzt plötzlich die Solheid.
Sie hatte lange unschlüssig gestanden, den Kopf gesenkt, und es war ganz still um sie gewesen. Die Fremden hatten sich nicht gerührt, der Gemeindevorsteher nicht; kein Wind pfiff im Rauchfang, kein Feuer knisterte. Auf allem lastete stumme Erwartung. Nun hob sie den Kopf, und ihr düsterer Blick glitt wie musternd durch die armselige Stube, hin zu dem kargen Brot auf dem Tisch und dann zu den hungrigen Vier. Das fünfte sah sie nicht mehr an. Sie war erblaßt, das tiefe Sonnenbraun ihres Gesichtes war ganz fahlgrau geworden.
»Wat er dir jeben will?! – Nu, wat wollt Ihr jeben?!« ermunterte der Bauer. »Ich rechne, Ihr werd’t einsehen, dat zweihundert noch zu wenig sin! Die Solheid hängt sehr an dem Kind, et is nich leicht, wenn se ’t herjeben tut!« Er blinzelte von der Seite beobachtend nach Schlieben und rief, wie man auf einer Auktion zu rufen pflegt: »Zweihundert, zweihundertfünfzig, dreihundert! Wahrhaftije’s Jott’s, nich zu viel! De Jean-Pierre is ene staatse Jung – seht ens, die Fäust! Un die Braden![13] Ene höllische Jung! Nich wahr, Madame« – er sah das Verlangen in Kätes Augen – »dreihundert Taler sin e so viel wie nichts für den?«
Käte hatte Tränen in den Augen und war sehr blaß. Die Luft in der Hütte beengte sie, sie fühlte einen unendlichen Widerwillen – nur fort, rasch fort von hier! Aber nicht ohne das Kind! »Vierhundert – fünfhundert« stieß sie hervor, und ihr Blick suchte flehend ihren Mann, wie: mach ein Ende, rasch!
»Fünfhundert, gern!« Schlieben zog seine Brieftasche hervor.
Der Bauer reckte den Hals, um besser sehen zu können, seine Blicke wurden ganz starr: das hatte er noch nicht erlebt, daß einer so bereitwillig zahlte! Auch die Kinder starrten mit großen Augen.
Die Solheid hatte einen flüchtigen Blick auf die Scheine geworfen, die der Herr neben das Brot auf den Tisch breitete; aber das begehrliche Licht, das in ihren Augen aufgeblitzt war, erlosch jäh wieder. »Neni,« sagte sie mürrisch.
»Biet ihr noch wat mehr – mehr!« raunte der Alte.
Und Schlieben legte noch ein paar Scheine zu den übrigen auf den Tisch; seine Finger bebten leicht dabei, die ganze Sache war ihm so unsäglich widerlich. Er dachte ja gar nicht daran, zu feilschen; was sie haben wollte, sollte sie haben, nur ein Ende gemacht!