Bei so viel Gleichmütigkeit hielt sich Nikolaus Rocherath nicht mehr – so viel bar Geld auf dem Tisch, und das Weibsbild konnte sich noch bedenken?! Er sprang auf sie zu und rüttelte sie an den Schultern: »Biste stabeljeck? Sechshundert Taler bar op den Tisch, un du nimms se nich?! Wer hierzuland kann sagen, dat he sechshundert Taler bar hat?! Dat is e Stück Jeld, dat is en Stück Jeld!« Sein abgemergeltes Gesicht, das von Jahren der Arbeit und von einem Leben in Wind und Wetter unendlich hager geworden war, so scharf umrissen, wie aus hartem Holz geschnitten, vibrierte in jeder Faser. Es zuckte ihm in den Fingern: wie konnte sich da nur ein Mensch noch bedenken?!
Polternd entfiel das Holzbeil, das sie bis dahin noch immer festgehalten hatte, der Hand der Solheid. Ohne den Kopf zu heben, ohne nach dem Tisch hinzusehen und ohne nach der Wiege, sagte sie laut – aber es war kein Klang in der Stimme –: »Allons bon! Djhan-Pire est dà vosse!«[14]
Und sie wendete sich ab, ging schweren Trittes zum Herd und störte den schwelenden Torf auf.
Welch eine Gleichgültigkeit! Wahrhaftig, dieses Weib war nicht wert, eine Mutter zu sein! In Frau Kätes sanften Augen begann es zu funkeln. Auch Schlieben war empört: nein, hier brauchte man sich kein Gewissen daraus zu machen, das Kind fortzunehmen! Ein Ekel stieg ihm in die Kehle.
Die Solheid tat, als ginge sie nun alles nichts mehr an. Sie hantierte am Herd, während der Gemeindevorsteher, wiederholt die Daumen beleckend, die Scheine zählte – jeden derselben von beiden Seiten besehend – und sie dann sorgfältig in das Kuvert steckte, das ihm der Herr überließ.
»Da, Lisa, haste se, leg se in de Handpostill!«
Mit einer heftigen Bewegung riß sie sie ihm aus der Hand, und ihren Oberrock hochhebend, versenkte sie sie in die Tasche eines armseligen zerlumpten Unterrocks. –
Nun war noch das Letzte zu erledigen. Wenn auch Schlieben sicher war, daß niemand hier mehr nach dem Kinde fragen würde, die Formalitäten mußten doch erledigt werden. Seinen Bleistift von der Uhrkette losnestelnd – denn wo sollte hier Tinte herkommen? – setzte er auf einem Blatt des Notizbuchs den Abtretungsschein der Mutter auf. Der Gemeindevorsteher als Zeuge unterschrieb. Nun setzte die Solheid noch ihre drei Kreuze darunter; sie hatte einmal schreiben gelernt, es aber wieder verlernt.
»So!« Mit einem Seufzer der Erleichterung erhob sich Schlieben von der harten Bank, auf die er sich während des Schreibens gesetzt hatte. Gott sei Dank, nun war alles erledigt, nun brauchte ihm der Gemeindevorsteher nur noch Geburtsattest und Taufschein zu besorgen und zuzustellen! »Hier – dies ist meine Adresse! Und hier – dies für etwaige Auslagen!« Er drückte dem Alten verstohlen ein paar Goldstücke in die Hand, und dieser schmunzelte, als er sie in seiner Hand fühlte.
Wie war’s, nun würden sie ja wohl gleich den Knaben mitnehmen?