In Käte, die bis dahin regungslos dagestanden hatte, mit weitgeöffneten Augen die Mutter anstarrend, als könne sie nicht begreifen, was sie sah, kam jetzt Leben. Natürlich würden sie das Kind gleich mitnehmen, nicht eine Stunde länger ließ sie’s mehr hier! Und sie nahm es hastig aus der Wiege, preßte es kosend in ihre Arme und hüllte es in ihren warmen, weiten Mantel mit ein – es war ja nun ihr Kind, ihr so schwer erkämpftes, tausend Gefahren entrissenes, innig geliebtes, süßes kleines Kind!

Die Geschwister des kleinen Jean-Pierre standen stumm dabei mit großen Augen. Hatten sie’s verstanden, daß ihr Bruder nun ging, auf immer ging? Nein, sie hatten es wohl nicht verstanden, sonst würden sie doch zeigen, wie leid es ihnen tat. Ihre großen Blicke galten nur dem Brot dort auf dem Tisch.

Schlieben fühlte lebhaftes Mitleid mit den Kleinen – die blieben nun hier in ihrem Elend, ihrem Hunger, ihrer Verkommenheit! Er steckte jedem der vier eine Gabe ins Händchen; keins der vier dankte, aber die kleinen Finger schlossen sich fest um das Geldgeschenk.

Auch die Solheid dankte nicht. Als die fremde Frau ihren Jean-Pierre aus der Wiege genommen – sie hatte das gesehen, ohne hinzublicken –, war sie zusammengezuckt. Jetzt aber stand sie regungslos bei der leeren Wiege, auf der Stelle, wo vorhin das Beil polternd ihrer Rechten entfallen war, und sah stumm zu, wie Jean-Pierre in den weichen Mantel gehüllt ward. Sie hatte ihm nichts mitzugeben.

Schlieben hatte, trotz aller Gleichgültigkeit der Mutter, zu guter Letzt doch noch eine Szene befürchtet – es konnte ja nicht sein, daß sie so fühllos blieb, wenn man ihr Jüngstes davontrug! – aber die Solheid blieb ruhig. Unbeweglich stand sie, die Linke auf die Stelle ihres Rockes gedrückt, wo sie die Tasche fühlte. Dieses Geld in der Tasche da – Schlieben fühlte sich heftig erregt –, strafte das nicht alle Tradition von Mutterliebe Lügen?! Und doch – diese war ja so verkommen in der großen Armut, halb vertiert im harten Kampf ums tägliche Brot, daß ihr selbst die Empfindung für das Eigengeborene darin untergegangen war! O, welch andre Mutter würde Käte nun dem Kinde sein! Und zärtlich besorgt schob er seine Frau, die den Kleinen auf dem Arme trug, dem Ausgang zu.

Nur fort, hier war nicht gut sein!

Sie eilten. Aber auf der Schwelle wendete Käte noch einmal den Kopf. Einen Blick mußte sie der doch noch schenken, der, die da hinten blieb, so starr und stumm. Wenn die ihr auch unbegreiflich war, ein Blick des Mitgefühls gehörte der doch noch!

Da – – – ein kurzer Schrei, aber laut, durchdringend, furchtbar in seiner erschütternden Knappheit. Ein einziger, aus Qual und Haß herausgepreßter unartikulierter Schrei.

Die Solheid hatte sich gebückt. Ihre Hand hatte das Holzbeil aufgerafft. Sie holte aus wie zum Wurf – blitzend flog die scharfe Schneide am Kopf der enteilenden Frau vorüber und blieb krachend im Türpfosten haften.

[9] Nein.