Der Kutscher fluchte und hieb auf die Pferde ein. Von der Straße war nichts mehr zu sehen, aber auch gar nichts mehr, kein Graben zur Seite, keine Telegraphenstange, kein Ebereschenbäumchen. Wie zerflossen war die breite, mühselig angelegte Chaussee im Venngrau. Ein Glück, daß die Gäule noch nicht verwirrt waren. Die folgten ihrer Nase, warfen ihre langen Schweife, wieherten hell und trabten mutig drauflos ins Nebelmeer.
Schaudernd hüllte Käte sich und das Kindchen fester ein; nun brauchten sie alle vorsorglich mitgenommenen wärmenden Hüllen. Ihr Mann packte sie noch fester ein, und dann legte er, wie schützend, den Arm um sie. Eine böse Fahrt!
Sie hatten den Wagen schließen lassen, aber das kalte Grau drang doch zu ihnen herein; es zwängte sich durch alle Ritzen, durchs Glas der Fenster, füllte den Innenraum, daß ihre Gesichter wie bleiche Flecke schwammen im dunstigen Dämmer, und legte sich schwer, hemmend auf ihren Atem.
Käte hüstelte und dann zitterte sie. In ihrer Seele war jetzt nichts von Freude, sie fühlte nur Angst, Angst um den errungenen Besitz. Wenn die Mutter jetzt hinter ihnen drein käme – o, dieses schreckliche Weib mit der blitzenden Axt! In einem Grauen sondergleichen preßte sie die Augen zu – nur das nicht mehr sehen! Und doch riß sie die Augen wieder auf, fühlte Angstschweiß auf ihrer Stirn und das Beben ihres Herzens – weh, bis in ihre Träume würde sie dieses verfolgen! Bis zu ihrer letzten Stunde würde sie das nicht mehr loswerden – nie, nimmermehr – das Weib mit der blitzenden Axt!
Dicht an ihrem Kopf war das Beil vorübergesaust – der Luftzug des Schwunges hatte ihr Schläfenhaar wehen gemacht –, es hatte ihr nichts getan, in den Pfosten der Tür nur war es gefahren und hatte den krachend gespalten. Und doch war ihr Leides geschehen. Wie in Entsetzen faßte sich Käte mit beiden Händen an die Schläfen: nie, nie wurde sie diese Angst wieder los!
In ihrer Seele war eine fast abergläubische Furcht, eine Furcht wie vor einem Gespenst, das da umgeht. Nur fort von hier! Nur nie mehr wieder hierher zurück! Nur jede Spur hinter sich verlöscht! Nie durfte jene erfahren, wohin sie sich gewendet hatten! Berlin – leider! – die Adresse hatten sie dem Gemeindevorsteher gegeben, aber Berlin war ja so weit, dorthin würde das Vennweib niemals kommen!
Und das Venn selber –?! Huh! Sich schüttelnd vor Grausen sah Käte hinaus ins graue Nebelgewoge. Gott sei Dank, das blieb ja hier, das würde bald ganz vergessen sein! Wie hatte sie nur dieses öde Venn einmal schön finden können?! Sie begriff sich nicht. Was war denn Reizvolles an diesen unwirtlichen Flächen, auf denen nichts gedieh als hartes Gras und zähes Heidekraut? Auf denen kein Korn seine Ähren wiegte, kein Singvogel sein kleines Lied pfiff, keine fröhlichen Menschen gesellig lebten, überhaupt keine Heiterkeit war, kein lauter Ton; nur Todesschweigen und Kreuze am Weg. Hier war’s schrecklich!
Angstvoll, während ihr Auge vergebens nach einem Lichtblick suchte, stieß sie hervor: »Paul, laß uns heute noch abreisen! So schnell als möglich abreisen!«
Ihm war’s recht. Auch ihm war nicht wohl zumute. Wenn dieses Weib, diese Bestie, in ihrem plötzlichen Wutausbruch seine Frau getroffen hätte?! Aber er konnte sich selber einen Vorwurf nicht ersparen: wer hatte es ihn geheißen, sich mit solchem Volke einzulassen? Solcher Unkultur ist man nicht gewachsen!
Und ein Unwille gegen das Kind ergriff ihn, das da so friedlich im Arm seiner Frau schlummerte. Finster sah er in das kleine Gesicht: würde er das je, je lieben können? Würde nicht die Erinnerung an des Kindes Herkunft seiner Neigung stets hindernd sein? Ja, er hatte sich übereilt. Wieviel besser hätte er daran getan, seiner Frau vernünftig ihren Wunsch auszureden, ihrer romantischen Idee, dieses Kind, gerade dieses Kind anzunehmen, energisch entgegen zu treten!