Die Brauen zusammengezogen, die Stirn in Falten, schaute er auch hinaus zum Fenster, an dessen Glas sich das Grau klebte und in großen Tropfen niederrann.
Draußen heulte jetzt der Wind; er hatte sich plötzlich aufgemacht. Und er heulte stärker, je mehr sie sich dem Scheitel des hohen Venn näherten, fauchte um den Wagen wie ein böser Hund und sprang den Pferden gegen die Brust. Die Gäule mußten sich wehren, ihren Trab verlangsamen; nur mühsam schwankte der Wagen voran.
Nie, niemals durfte dieses Kind erfahren, woher es stammte, denn sonst – in tiefen Gedanken starrte der neue Vater ins Venn, dessen Nebelwand jetzt für Augenblicke durch einen wütenden Windstoß auseinandergerissen ward – denn sonst – – – was ›denn sonst‹?! Er fuhr sich über die Stirn und atmete beklommen. Es beschlich ihn etwas wie eine Furcht, aber er machte sich selber nicht klar: wovor.
Den Blick zu seiner Frau wendend, sah er, daß sie ganz in Betrachtung des schlafenden Kindes versunken war, und seine Mißstimmung wurde dadurch nicht kleiner. Er zog ihre Rechte, die sie stützend unter des Kindes schwer hingesunkenen Kopf hielt, fort: »Laß doch, ermüde dich doch nicht so! Es wird auch schon so weiterschlafen!« Und als sie besorgt »St« machte, erschrocken, ob der kleine Schläfer auch nicht gestört sei, sagte er nachdrücklich: »Eins muß ich dir sagen, mein Kind, und dich dabei auch warnen: gib nicht gleich dein ganzes Herz – warte erst ab!«
»Wieso?« Verwundert sah sie ihn an, sie hörte einen Unterton aus seiner Stimme heraus. »Warum sagst du das so – so – nun so ärgerlich?!« Leise lachte sie auf in einem glücklichen Vergessen. »Weißt du – ja, es war abscheulich, unendlich peinlich in dieser Umgebung – aber, Gott sei Dank, jetzt ist’s ja überstanden! Eine Mutter vergißt ja so schnell all die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres Kindes gelitten hat – wie sollte ich das Widrige heut nicht auch vergessen?! Sieh nur,« – und sie streichelte, vorsichtig liebkosend, mit der Spitze ihres Fingers die warmrot geschlafene Wange des kleinen Jean-Pierre – »wie unschuldig, wie lieblich! Ich freue mich so! Freu dich doch auch, Paul, du bist ja sonst so herzensgut! Komm, nun laß uns mal überlegen, wie wir den Jungen eigentlich nennen wollen!« Es war eine große Weichheit in ihrem Ton: »Unsern Jungen!«
Sie hörten nicht mehr den Wind, der zum Sturm geworden war. Sie hatten jetzt so vieles zu überlegen. ›Jean-Pierre,‹ nein, das blieb auf keinen Fall! Und heute abend noch würde man von Spaa bis Köln fahren, denn dort erst konnte man es wagen, eine Wärterin zu engagieren; dort hatte ja kein Mensch mehr eine Ahnung vom Venn. Und in Köln würde man auch schleunigst die so notwendigen Kindersachen kaufen.
Wie sollte man sich nur behelfen bis dahin?! Ganz besorgt sah Schlieben auf seine Frau: die hatte ja so gar keine Ahnung von kleinen Kindern! Aber sie lachte ihn aus und tat wichtig: wem der Himmel ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Und hier der kleine Liebling war ja so brav, noch nicht gemuckt hatte er, seit sie fortgefahren waren, hatte immerfort geschlafen, als gäbe es keinen Hunger und keinen Durst, als gäbe es nur ihr Herz, an dem er sich wohlig fühlte.
Allmählich wurde es behaglicher im Wagen. Es war, als ströme der sanft ruhende Kinderkörper eine wohltuende Wärme aus. Hauch des Lebens stieg auf aus der sich kräftig hebenden, gleichmäßig atmenden kleinen Brust; Freude des Lebens glühte aus den rosiger und rosiger werdenden Wangen; Segen des Lebens tropfte von diesen winzigen, im Schlaf zu Fäustchen geballten Händen. Still vor sich hinsinnend, mit verhaltenem Atem, schaute die Frau in ihren Schoß, und der Mann, gerührt und seltsam bewegt, nahm des Kindes winzige Faust in seine große Hand und besah sie lächelnd: ja, nun waren sie Eltern! – – – – –
Draußen aber war das Grauen. So kann der Herbst nur stürmen im wilden Venn. Hier gibt es kein sanft-wehmütiges Scheiden des Sommers, kein leises Sichheranstehlen des Winters, keinen mild vorbereitenden Übergang, hier setzt das Unwetter ein mit Macht, aus Sonnenwärme schlägt’s um in Eiseskälte. Der Sturm saust übers braune Hochland, daß sich das niedrige Kraut noch niedriger duckt und die kleinen Wacholderstöcke sich noch kleiner machen. Mit Pfiff und Geschrill, mit Gebell und Geheul jagt der Vennwind, stöbert in Sumpfloch und Torfgrube, peitscht die trüben Lachen, wirft sich ins angeschonte Tannendickicht mit Gewalt, daß das stöhnt und ächzt und knackend zusammenschauert, und rast dann weiter um verwitterte Kreuze.
Wie Orgelton braust es übers Moor – oder ist es das Rauschen schäumender Brandung? Nein, hier ist kein Wasser, das Ebbe und Flut hat und in weißen Wogen gegen den Strand wäscht, hier ist nur das Venn; aber es gleicht dem Meer in seiner ewigen Weite. Und seine Lüfte sind stark wie Meereslüfte, und seiner Vögel schriller Schrei ist wie Möwenschrei, und Natur spielt – hier wie dort – mit gewaltigem Griff auf der Orgel des Sturms das Lied von ihrer Allmacht.