Über den Scheitel des großen Venns kroch der kleine Wagen. Die Winde wollten ihn hinunterblasen wie ein winziges Käferchen. Immer wütender stießen sie gegen das Gefährt, kläfften und heulten wie mit Wolfsgeheul, winselten um seine Räder, schnauften um seine Wände; stemmten sich vorn ihm entgegen und zerrten von hinten wie mit gierigen Zähnen daran: weg mit dem hier. Und weg auch mit denen, die darinnen saßen! Diese Eindringlinge, diese Diebe, die führten etwas mit sich fort, das dem Venn gehörte, einzig und allein dem großen Venn!

Es war ein Kampf. Ob der Kutscher auch auf die Pferde hieb, die mutigen Gäule stutzten doch, blieben stehen und schnauften ängstlich. Der Mann mußte abspringen, sie eine Strecke führen, und noch immer zitterten sie.

Aus den Gruben stieg’s auf und winkte mit wehenden Schleiergewändern und wollte halten mit feuchten Armen. Ein Greifen war’s, ein Haschen, ein Langen; ein Reißen von Nebeln und ein sich tückisch wieder Zusammenballen, ein Chaos von wirbelnden, quirlenden, brauenden, grauenden Dünsten. Und klägliche Töne von Wesen, die man nicht sah.

Waren alle Grüfte lebendig geworden? Stiegen die herauf, die hier geschlafen hatten, von Pferdeschnaufen und Peitschenknall geweckt, unwillig ob ihrer verletzten Ruh? Was waren das für Laute?!

Das stille Venn war lebendig geworden. In des Sturmes dumpfen Orgelbraus mischte sich Schrillen und Pfeifen, Gellen und Krächzen und Flügelschlagen und empörtes Schreien.

Durchs Nebelmeer schwamm eine Schar von Vögeln. Sie ruderten rechts, ruderten links, äugten unruhig nieder zum fremden Gefährt, standen Minuten bewegungslos über ihm, mit gespreizten Flügeln, zum Niederstoßen bereit, und stießen dann ihr Geschrei aus, ihr aufgeschrecktes, scharfdurchdringendes Wildlingsgeschrei. Heute hatte das nichts Sieghaftes an sich – es klang wie Klage.

Und das Venn weinte. Große Tropfen entsanken den Nebeln; die Nebel selbst wurden zu Tränen, zu langsam fallenden und dann zu stürzenden, unaufhaltsamen, strömenden Tränen.


6

Schliebens hatten glücklich Berlin erreicht. Frau Käte war angegriffen, als sie aus dem Coupé stiegen; ihr Haar war verwirrt, ihre Eleganz ein wenig mitgenommen. Es war doch keine Kleinigkeit gewesen, mit dem Kinde die weite Reise zu machen. Ein Glück nur, daß sie in Köln so rasch eine gute Wärterin gefunden hatten – eine Witwe, kinderlieb und wohlerfahren, eine echte rundlich-behäbige Kinderfrau – aber es hatte für die Mutter doch noch genug zu sorgen gegeben. Ob das Kind sich erkältet hatte oder ob ihm die Flasche nicht schmeckte? Es hatte geschrieen, mit der ganzen Kraft seiner Lungen – kein Umhertragen half, kein Schaukeln, kein Wiegen, kein Singen – es hatte geschrieen aus vollem Halse während der ganzen Fahrt nach Berlin.