Aber, Gott sei Dank, nun war man ja zu Hause! Und wie mit Zauberschnelle ordnete sich alles. Die behagliche Wohnung von früher war freilich vermietet; aber im Grunewald entstand Villa neben Villa, und da man jetzt ja so viel mehr Platz brauchte, bezog man eine dieser Villen. Erst zur Miete; dann würde man sie wohl kaufen, denn es war wirklich nicht möglich, ein Kind wie dieses in eine Stadtwohnung zu bringen. Einen Garten mußte es doch haben.

Sie nannten ihn Wolfgang. ›Wolf‹ hatte etwas so Kurzes, Kraftvolles, Energisches, und mit einem leisen wohligen Schauer dachte es Käte – es war wie eine geheime Erinnerung an das Venn, jene Wildnis, über die sie triumphiert hatten, und der sie nur dies eine kleine Zugeständnis machten. Und ›Wölfchen‹ – wenn man so das ›Wolf‹ verkleinerte – klang es nicht unendlich liebevoll?!

›Wölfchen‹ – das sagte die junge Mutter wohl hundertmal am Tag.

Die junge Mutter! Frau Käte fühlte es: ach ja, sie war wieder jung geworden in ihrem Kinde, ganz jung. Ihre fünfunddreißig Jahre hätte ihr niemand geglaubt, und sie selber am wenigsten. Wie konnte sie laufen, wie die Treppe hinaufhuschen, wenn es hieß: »Das Kind ist aufgewacht! Es schreit nach der Flasche!«

Sie, die früher so viele Stunden auf der Chaiselongue zugebracht hatte, kam jetzt keine Minute im Tag zum Hinlegen; dafür schlief sie des Nachts um so fester. Es war doch so, wie sie andre Frauen hatte sagen hören: ein Kleines nimmt die Mutter ganz und gar in Anspruch. O, was waren es für inhaltleere, farblose Tage gewesen, die sie früher so hingelebt hatte! Jetzt erst hatte ihr Leben Inhalt, Wärme, Glanz.

Jeden Tag ging sie neben dem Kinderwagen her, den die Wärterin schob, und es machte ihr ein besonderes Vergnügen, selber einmal den leichten kleinen Wagen mit seinem weißen Lack, den vergoldeten Knöpfen und den blauen Seidengardinen zu fahren. Wie die Leute nach dem eleganten Wagen sahen – nein, nach dem schönen Kinde drehten sie sich um! Ihr Herz klopfte vor Freude, ihr geschmeicheltes Ohr fing die Rufe der Bewunderung auf – ›Das reizende Kind!‹ – ›Wie elegant!‹ –›Die prachtvollen Augen!‹ – und dann schlug ihr Herz noch geschwinder, ein Gefühl seligen Stolzes erfüllte sie, so daß sie einher ging, den Kopf frei gehoben, die Augen voll Glück. Alle hielten sie ja für die Mutter, für des jungen Kindes junge Mutter, für des schönen Kindes schöne Mutter! Wie oft hatten Fremde ihr schon von der Ähnlichkeit gesprochen: ›Ihnen wie aus den Augen geschnitten, gnädige Frau, nur das Haar ist dunkler als das Ihre!‹ Dann hatte sie jedesmal gelächelt mit einem tiefen Erröten. Sie konnte den Leuten doch nicht sagen, daß er ihr eigentlich gar nicht ähnlich sehen konnte! Wußte sie es jetzt doch selber kaum mehr, daß kein Tropfen ihres Blutes in Wölfchens Adern floß.

Nach ihr schaute er zuerst, wenn er erwachte. Zwar stand sein mullverhangenes Bettchen neben dem Bett der Wärterin, aber der Mutter galt doch sein erster Blick, und auch sein letzter, denn niemand verstand es so gut wie sie, ihn in Schlaf zu singen.

»Schlaf, mein süßes Kind,

Draußen geht der Wind.

Höre, wie der Regen fällt