Und wie Nachbars Hündchen bellt!

Hündchen hat den Mann gebissen,

Hat des Bettlers Kleid zerrissen –«

das tönte Abend für Abend leise und schmeichelnd aus der Kinderstube, und der kleine Wolf schlief sanft dabei ein, beim Lied vom Wind und Regen ob schutzlosen Häuptern und von Bettlern, deren Kleider der Hund zerreißt. –

Schlieben hatte jetzt keine Veranlassung mehr, sich über die Stimmungen seiner Frau zu beklagen. Alles war anders geworden – auch ihre Gesundheit – gleichsam neu, als sei noch einmal ein Leben begonnen. Und er selber? Er selber hatte jetzt viel mehr Lust zur Tätigkeit. Nun er wieder ins Geschäft eingetreten war, fühlte er ein sonst nicht gekanntes Behagen, wenn er sah, daß neue Unternehmungen glückten. Unternehmungsgeist hatte er früher nie gehabt – wozu auch? Was er und seine Frau brauchten, hatten sie reichlich. Natürlich war es ihm angenehm gewesen, gut abzuschließen, aber daß es ihm Freude gemacht hätte, Geld zu verdienen, hätte er nicht sagen können. Er hatte immer mehr Vergnügen daran gefunden, es auszugeben.

Der alte Schlieben war darin ganz anders gewesen, von einer viel weniger großen Leichtigkeit, und er hatte sich, solange er lebte, stets darüber Vorwürfe gemacht, daß er den einzigen Sohn bei einem Kavallerieregiment hatte dienen lassen; da war dem von der kavalleristischen Flottheit etwas kleben geblieben, was mit den Ansichten des ursoliden, behäbig-bürgerlichen Kaufmanns nicht recht stimmen wollte. Und die Schwiegertochter? Nun, die war auch nicht so ganz nach dem innersten Herzen des alten Herrn gewesen, die hatte zu viel modernes Zeug im Kopf, und der Paul wurde ganz davon angesteckt. Man konnte ja ein gebildeter Mensch sein – warum nicht? und sich auch für die Kunst interessieren, ohne darum so wenig realen Sinn zu besitzen!

Der biedere Mann, der Kaufmann von echtem Schrot und Korn und Urberliner, hatte nicht mehr die Freude gehabt, an seinem Sohn zu erleben, was jetzt dessen Sozien mit Verwunderung und ungemessenem Erstaunen wahrnahmen. Sie brauchten jetzt nicht mehr über Schliebens mangelndes Geschäftsinteresse die Achseln zu zucken und eine gewisse Spitze auf die Frau zu haben, die ihn so ganz in Beschlag nahm; jetzt hatte er das Interesse, das sie wünschten. Jetzt machte es ihm Freude, auf ihre Projekte einzugehen; es erschien ihm selber Bedürfnis, ja geradezu geboten, neue Verbindungen anzuknüpfen, den ruhigen, von lange her eingeschlagenen Geschäftsgang nach rechts und links, nach allen Seiten zu erweitern. Er zeigte Geschäftsgeist und wurde auf einmal praktisch. Und mitten in seinen Berechnungen, vertieft am Pult sitzend, konnte Schlieben sich dabei ertappen, daß er dachte: ›das wird dem Jungen einmal von Nutzen sein!‹ Dann aber konnte ihn dieser Gedanke doch wieder so irritieren, daß er die Feder hinwarf und unwirsch vom Pulte aufsprang: nein, nur seiner Frau zu Gefallen hatte er den Jungen angenommen, lieben wollte er ihn nicht!

Und doch, wenn er zu Tisch nach Hause kam, an jenen köstlichen Nachmittagen, in denen die Kiefern um sein Haus dufteten und die reine Luft den nach angespannter Arbeit erwachten Appetit noch verstärkte, wenn ihm dann der Junge mit Geschrei entgegenzappelte, seinen kleinen Bauch klopfend: »Papa – essen – gut mecken,« und Käte sich lachend am Fenster zeigte, dann konnte er sich nicht enthalten, den hungrigen Schreier hoch in die Luft zu schwingen und ihn erst nach einem freundlichen Klaps wieder auf die Füße zu stellen. Er war doch ein famoser Kerl! Und immer bei Appetit. Nun, Gott sei Dank, satt zu essen würde er ja auch immer haben!

Eine gewisse Behäbigkeit kam dabei über den Mann. Was er früher nie so gefühlt hatte: daß ein eignes Heim ein Glück bedeutet – das fühlte er jetzt. Und er empfand die Wohltat des gesicherten Besitzes, der es gestattet, sich das Leben mit allen möglichen Annehmlichkeiten auszugestalten. Hübsch war das Haus! Aber wenn er es demnächst kaufte, baute er doch noch an, und das Grundstück daneben kaufte er auch noch zu. Es wäre doch höchst fatal, wenn sich da etwa einer einem dicht auf die Nase setzte!

Es war Schlieben seinerzeit schwer geworden, hier draußen Wohnung zu nehmen, nachdem er, solange er denken konnte, in einer Berliner Stadtwohnung gelebt hatte. Nun aber pries er den Gedanken seiner Frau, hier herauszuziehen, als sehr glücklich. Nicht nur des Kindes wegen! Man hatte selber hier draußen ja einen ganz andern Genuß seines Heims; man kam viel mehr zum Bewußtsein eines solchen. Und wie viel gesünder war’s – wahrhaftig, der Appetit war kolossal! Man wurde noch der reine Materialist! Und von seinem knurrenden Magen getrieben, folgte Schlieben dem eßlustigen Jungen ins Haus. – – –