Wolfgang Solheid, genannt Schlieben, bekam die ersten Hosen. Es war ein Fest fürs ganze Haus. Käte ließ ihn heimlich photographieren, denn hübscher hatte nie ein Junge in ersten Hosen ausgesehen. Und sie stellte ihrem Mann das Bild des noch nicht Dreijährigen – weiße Hosen, weißer Faltenkittel, Pferdchen im Arm, Peitsche in der Hand – von einem Rosenkranz umgeben, in die Mitte seines Geburtstagstisches. Das war ja unter all den vielen Geschenken das Beste, was sie ihm geben konnte. Wie kräftig Wölfchen war! Hier auf dem Bilde sah man’s erst: so groß wie ein Vierjähriger! Und trotzig sah er aus, unternehmend wie ein Fünfjähriger, der schon an Streit mit andern Buben denkt.

Glückselig wies die Frau dem Manne das Bild, und ein solches Leuchten war dabei in ihren Augen, daß er sich innig freute. Er dankte ihr, sie küssend, viele Male für diese Überraschung: ja, dieses Bild sollte neben dem ihren auf seinem Schreibtisch stehen! Und dann schäkerten sie beide mit dem Knaben, der sich in seinen ersten Hosen, die ihm noch unbequem waren, ungebärdig über den Teppich wälzte.

Schlieben konnte sich nicht entsinnen, je seinen Geburtstag so angenehm verlebt zu haben wie dieses Mal. Es war so viel Heiterkeit um ihn, so viel Freude. Und wenn auch Wolf schon am Mittag die ersten Hosen zerrissen hatte – wie und wo war der bestürzten Wärterin ganz unbegreiflich –, so störte das den Festtag nicht, im Gegenteil, das Lachen wurde noch heller. »Zerreiße Hosen, mein Junge, zerreiße,« flüsterte die Mutter lächelnd in sich hinein, als ihr der Schaden gezeigt wurde, »sei du nur froh und stark!«

Am Abend war Gesellschaft. Die Fenster der hübschen Villa waren hell erleuchtet, und im Garten war italienische Nacht. Lau war die Luft; unbeweglich breiteten die Kiefern ihre Äste unterm Sternenhimmel, und großen Glühwürmern gleich schimmerten bunte Lampions in Büschen und Laubgängen.

Im Oberstock der Villa, im einzigen nicht hell beleuchteten, nur von einer Milchglasampel matt beschienenen, durch dichte Vorhänge und Jalousien still gehaltenen Gemach, lag Wölfchen und schlief. Aber unten ließ man ihn leben.

An der Festtafel war der Hausherr schon betoastet worden und dann seine liebenswürdige Gattin – mit was konnte man den Gefeierten nun noch mehr feiern, als daß man den Jungen leben ließ, seinen Jungen?!

Der Geheime Sanitätsrat Hofmann, der erprobte Arzt und langjährige Freund des Hauses, bat sich das Vorrecht aus, diese paar Worte sprechen zu dürfen. Er als Arzt, als Berater in mancher Stunde, er wußte ja am besten zu sagen, woran es hier noch gemangelt hatte. Alles war dagewesen: Liebe und innigstes Verstehen und auch das äußere Glück, aber – hier machte er eine kleine Pause und nickte der ihm gegenübersitzenden Frau des Hauses freundlich-verständnisinnig zu – das Kinderlachen hatte gefehlt! Und nun war auch das da!

»Kinderlachen – o, du Erlösung!« rief er und zwinkerte, und eine Rührung kam dabei in seine Stimme, denn er gedachte auch seiner eignen drei, die freilich jetzt schon selbständig draußen im Leben ihren Weg gingen; aber ihr Lachen, das klang ihm noch in Herz und Ohr.

»Kein Kind – kein Glück! Aber ein Kind – ein Glück, ein großes Glück! Und hier zumal! Denn meine Doktoraugen haben sich noch kaum je an einem prächtigeren Brustkasten, an einem famoser entwickelten Schädel, an strammeren Beinen und blankeren Augen geweidet. Alle Sinne sind scharf; der Junge hört wie ein Luchs, sieht wie ein Falke, wittert wie ein Hirsch, fühlt – nun, ich habe mir sagen lassen, daß er schon auf die leiseste Berührung seiner Kehrseite lebhaft reagiert. Nur der Geschmack ist bis jetzt nicht in gleichem Grade fein entwickelt – der Junge ißt alles! Aber dies wiederum ist mir ein neuer Beweis seiner besonderen körperlichen Bevorzugung, denn verehrte Anwesende –« hier kniff der Doktor scherzhaft blinzelnd das eine Auge zu – »wer von Ihnen spräche nicht mit mir: ein guter Magen, der alles verträgt, ist die größte Lebensmitgabe einer gütigen Vorsehung! Der Junge ist ein Glückskind. Ein Glückskind im doppelten Sinn des Wortes, denn nicht nur ist er selber alles Glückes voll, nein, das Glück ist auch bei denen, die um ihn sind, durch ihn eingekehrt. Hier, unsere liebe Frau, haben wir sie je früher so gesehen? So jung mit den Jungen, so froh mit den Frohen! Und hier, unser verehrter Freund – ’s ist wahrhaftig nicht, als hätte der heute die Mitte der Vierzig erklommen – der steckt ja voll von Tatkraft, von Plänen und Unternehmungen wie einer mit zwanzig! Und hat dabei die schöne Ruhe, die behagliche Gesättigtkeit des glücklichen Hausvaters. Und das macht alles, alles der Glücksjunge! Darum, Dank sei der Stunde, die ihn bescherte, dem Winde, der ihn hergetragen hat! Woher –?!«

Der Doktor, der eine kleine, boshafte Ader hatte, machte jetzt geflissentlich eine Pause, räusperte sich und zupfte an seiner Weste, sah er doch so manches neugierige Auge erwartungsvoll auf sich gerichtet. Aber er sah auch den raschen, betroffenen Blick, den das Ehepaar miteinander tauschte, sah, daß Frau Käte erblaßt war und ängstlich, fast flehend an seinen Lippen hing, und so fuhr er geschwind mit einem gutmütig-einlenkenden Lachen fort: »Woher, meine Damen – nur Geduld! Das will ich Ihnen jetzt sagen: vom Himmel ist er gefallen! Wie die Sternschnuppe fällt in der Sommernacht. Und unsre liebe Frau, die just spazieren ging, hat ihre Schürze aufgehalten und hat ihn sich heimgetragen in ihr Haus. So ist er denn der Stern dieses Hauses geworden, und wir alle und ich ganz besonders – wenn ich nun auch als Arzt hier überflüssig geworden bin – freuen uns seiner, ohne zu fragen, woher er uns ward. Alle gute Gabe kommt von oben, das haben wir schon in der Jugend gelernt – darum: auf das Wohl dessen, der unsern Freunden vom Himmel gefallen ist!«