Der Doktor war ernst geworden, es war eine gewisse Feierlichkeit darin, wie er jetzt seinen Champagnerkelch hob und ihn austrank bis zur Neige: »Prosit Rest! Auf das Wohl des Kindes, des Sohnes dieses Hauses! Der Glücksjunge, er wachse, blühe und gedeihe!«
Die schön geschliffenen Gläser klangen melodisch-hell aneinander. Es war ein Schwirren, ein Lachen, ein Hochrufen an der Festtafel, daß der kleine Junge oben in seinem Bettchen sich unruhig hin und her zu wälzen begann. Er murrte unzufrieden im Schlaf, warf die Lippen auf und zog die Stirn kraus zwischen den kleinen Brauen.
Unten rückten die Stühle. Man war aufgestanden, ging zu den Eltern hin und drückte ihnen, gleichsam gratulierend, die Hand. Das hatte Hofmann wirklich hübsch gemacht, wirklich riesig nett! Der kleine Kerl war aber auch allerliebst! Alle anwesenden Frauen waren sich darin einig, selten ein so hübsches Kind gesehen zu haben.
Kätes Herz, das bei dem Toast anfänglich ein wenig bang geklopft hatte – der gute Doktor würde doch, angeregt durch ein gutes Glas Wein und ein gutes Diner, nichts ausplaudern von dem, was man nur ihm und dem Anwalt anvertraut hatte?! – klopfte jetzt in einer lebhaften Empfindung von Glück. Ihre Augen suchten ihren Mann und sandten ihm heimlich-zärtliche, dankerfüllte Blicke. Und dann ging sie zu dem alten Freund hin und dankte ihm ›für all die guten, lieben Worte‹. »Auch in Wölfchens Namen,« sagte sie herzlich weich.
»Also hab ich’s doch recht gemacht? Na, das freut mich!« Der Freund zog ihren Arm in den seinen und ging ein wenig abseits von den übrigen mit ihr auf und ab. »Ich sah es, liebe Frau, Sie waren ängstlich, als ich von des Jungen Herkunft anfing. Was denken Sie denn von mir?! Aber es geschah mit Absicht, längst habe ich auf die Gelegenheit gebrannt. Glauben Sie mir, wenn ich jedesmal einen Taler kriegte, so oft ich nach des Jungen Herkunft – sei’s offen oder hintenherum – ausgefragt werden soll, ich wäre jetzt schon ein vermögender Mann. Über manche Frage habe ich mich geärgert; das heut war die Antwort darauf. Hoffentlich haben sie sie verstanden! Sie sollen künftig ihre Vermutungen für sich behalten!«
»Vermutungen –?!« Käte zog die Augenbrauen zusammen und drückte des Arztes Arm. Was vermuteten die Leute – wußten sie schon etwas, ahnten sie das Venn?! Eine plötzliche Angst fiel sie an. Mit Blitzesschnelle tauchten Bilder vor ihr auf – hier mitten im festlich hellen Raum – dunkle Bilder, von denen sie nichts mehr wissen wollte.
»Um Gottes willen,« sagte sie leise, und ein Zittern war in ihrer Stimme. Wenn die Leute erst etwas wußten, o, dann – sie sprach es nicht aus, die plötzliche Angst schnürte ihr die Kehle zusammen –, dann wurde man die Vergangenheit nicht los! Dann kam die und verlangte ihr Recht und war nicht mehr abzuschütteln! »Glauben Sie,« flüsterte sie stockend, »glauben Sie – daß man – das Richtige – vermutet?«
»I wo, keine Spur!« Hofmann lachte, wurde aber dann gleich ernsthaft. »Lassen wir doch die Leute und ihre Vermutungen, liebe Frau!« O weh, da hatte er sich auf ein heikles Thema eingelassen – ihm wurde ganz heiß – wenn sie wüßte, daß man ihrem Paul, dem treuesten aller Ehemänner, eine ganz besondere Verpflichtung gegen das Kind zuschrieb?!
»Vermutungen – ach, was vermutete man denn?« Sie drängte ihn, ihre Augen forschten angstvoll.
»Unsinn,« sagte er kurz. »Was wollen Sie sich darum kümmern?! Aber das habe ich Ihnen und Ihrem Gatten ja gleich gesagt: wenn Sie ein solches Geheimnis aus des Knaben Herkunft machen, wird viel daran herumgedeutelt werden. Nun, Sie haben es ja nicht anders gewollt!«