»Nein!« Und die Augen schließend, schauerte Käte leicht zusammen. »Er ist unser Kind – nur unser Kind –« sagte sie mit einer seltenen Härte im Ton. »Und etwas andres existiert nicht!«
Kopfschüttelnd und fragend sah er sie an, betroffen über ihren Ton.
Da stieß sie hervor: »Ich habe Angst!«
Er fühlte, wie die Hand, die auf seinem Arm lag, leise bebte. –
Mitten in der Heiterkeit des Abends war es auf Kätes Freude wie eine Lähmung gefallen. Sie wurde viel nach dem kleinen Wolf gefragt – das war so natürlich, man zeigte ihr durch diese Fragen freundschaftliches Interesse – und man beobachtete sie dabei im stillen: ganz großartig, wie sie sich benahm! Man hätte der zarten Frau kaum solchen Heroismus zugetraut. Wie sehr mußte sie ihren Mann lieben, daß sie sein Kind – denn der Knabe mußte ja sein Kind sein, die Ähnlichkeit war zu augenfällig, ganz genau derselbe Gesichtsschnitt, das gleiche dunkle Haar – dieses Kind seiner schwachen Stunde an ihr Herz nahm, ohne Groll, ohne Eifersucht. Sie, die Kinderlose, das Kind einer andern! Das war großartig, fast zu großartig! Das begriff man denn doch nicht ganz.
Und Käte empfand instinktiv, daß in den Fragen, die man an sie richtete, etwas versteckt lag – war es Bewunderung oder Mitleid, Zustimmung oder Mißbilligung? – etwas, das man nicht fassen, nicht einmal nennen konnte, nur argwöhnen. Und das machte sie befangen. So gab sie auf freundliche Fragen nach Wölfchen nur zurückhaltende Antworten, war knapp in der Erzählung, kühl im Ton und konnte doch ein heimliches Vibrieren ihrer Stimme nicht hindern. Das waren die zärtliche Freude, der Mutterstolz, die sich nicht unterdrücken ließen, die Wärme ihres Gefühls, die ihrer Stimme den verborgenen Unterton der Erregung liehen. Andre nahmen’s für eine ganz andre Erregung.
Die Damen, die nach aufgehobener Tafel sich noch im Garten ergingen, plauderten vertraulich. Die kieferduftenden Gartengänge, in denen die Lampions nur bunt glühten, aber nicht erhellten, waren recht dazu geeignet. Man wandelte zu zweien und dreien, Arm in Arm, und sah sich vorsichtig erst nach Lauschern um: daß nur die gute Frau nichts hörte! Da war kaum eine unter den Frauen, die nicht ihre Beobachtungen gemacht hatte. Wie tapfer sie sich hielt, es war eigentlich ergreifend anzusehen, wie Empfindlichkeit und Neigung, Abneigung und Wärme in ihr rangen, sowie die Rede auf das Kind kam! Und wie sich dann in ihren heiteren Blick eine Unruhe stahl – ach ja, sie mochte viel durchgekämpft haben und noch immer durchkämpfen, die Arme!
Eine einzige meinte zwar, Schlieben viel zu lange und viel zu genau zu kennen, um nicht zu wissen, daß es zum Lachen – nein, daß es geradezu ungeheuerlich sei – von ihm so etwas anzunehmen. Von ihm, dem Korrekten, der nicht nur in der äußeren Haltung und Erscheinung, nein, ebenso innerlich allezeit der untadlige Kavalier war. Von ihm, dem treuesten Gatten, der heute noch, nach langer Ehe, so verliebt in seine Käte war, als hätten sie eben geheiratet. Die Sache lag ganz anders: sie hatten sich immer Kinder gewünscht, was war natürlicher, als daß sie sich, nun sie die Hoffnung endgültig aufgegeben hatten, eins angenommen hatten?! Taten denn andre Leute das etwa nicht auch?!
Freilich, das kam schon vor, gewiß! Aber dann erfuhr man doch Näheres: ob es ein Waisenkind war oder der illegitime Abkömmling aus hohen Kreisen, ob es in der Zeitung aufgeboten war – ›an edeldenkende Menschen zu vergeben‹ – ob es das Kind eines verlassenen Mädchens oder der unerwünschte Spätling einer schon überreich mit Kindern gesegneten Proletarierfamilie war und so weiter, immer wußte man doch wenigstens einiges. Aber hier – warum denn hier ein solches Geheimnis?! Warum nicht offen erzählt: daher haben wir’s, so und so trug’s sich zu?!
Frau Käte ganz offen nach der Herkunft des Kleinen zu fragen, war schwer; man hatte sich schon früher einmal in dieser bestimmten Absicht zu ihr begeben, aber gleich nach den ersten einleitenden Sätzen war in die Augen der Frau etwas so Angstvolles gekommen, in ihr Wesen etwas so scheu Ablehnendes, daß es mehr als taktlos gewesen wäre, das Gespräch weiter zu verfolgen. Man sah sich gezwungen, das Fragen zu lassen – aber merkwürdig, merkwürdig!