Auch die Herren im Rauchzimmer, die der Wirt einen Augenblick allein gelassen hatte, behandelten das gleiche Thema. Der Doktor wurde ins Gebet genommen.

»Hören Sie, verehrter Geheimrat, Ihr Toast war ja sehr famos, eines Diplomaten würdig, aber uns machen Sie nichts vor! Sie sollten auch nicht wissen, woher der Kleine stammt?! Na!« Besonders die beiden Sozien intrigierte es, daß Schlieben sie so wenig eingeweiht hatte. Wenn man allen Kix und Kax im Geschäftlichen besprach, hatte man doch auch ein gewisses Anrecht auf die Privatverhältnisse, zumal man schon mit dem alten Herrn zusammen gearbeitet hatte. Wo wäre der Paul heute, wenn sie beide nicht für ihn eingetreten wären mit ihrer ganzen Arbeitskraft, zur Zeit, als er noch an allem andern mehr Interesse fand und mehr Geschmack als am Geschäft?! Der schon ältliche Meier, der sein gutmütig-intelligentes, weinfrohes Gesicht über einem beträchtlichen Embonpoint trug, konnte sich ordentlich über einen solchen Mangel an Vertrauen kränken: »Als ob wir ihm was in den Weg gelegt hätten – lachbar! Doktor, sagen Sie mal wenigstens eins: hat er den Jungen von hier?!«

Aber der andre Kompagnon, der etwas gallige Bormann, der alle Jahre nach Karlsbad mußte, unterbrach schroff: »Ich bitte Sie, Meier – Sie sehn doch! Was geht’s uns auch an?! Von der letzten großen Reise wollen sie sich ihn mitgebracht haben – na, schön! Wo waren sie denn eigentlich zuletzt? Nach der Schweiz doch im Schwarzwald und dann in Spaa?!«

»Nein, an der Nordsee,« sagte Hofmann ruhig. »Sie sehen’s ja auch, der Junge hat ganz friesischen Typus!«

»Der –? Mit seinen schwarzen Augen?!« Nein, aus Hofmann war wirklich nichts herauszubekommen! Er machte ein so harmloses Gesicht, daß man hätte meinen können, es sei ihm Ernst anstatt Scherz. Aha, dahinter verschanzte er sich; er wollte eben nichts sagen! Man mußte das Thema fallen lassen.

Der Doktor, der sich im stillen schon der Ungeschicklichkeit geziehen – o weh, da hatte er, statt den guten Schliebens zu helfen, ihnen erst recht die Neugier auf den Hals gehetzt! – hörte voller Befriedigung, wie die Herren zur Politik übergingen. –

Es wurde Mitternacht, bis die letzten Gäste die Villa verließen; ihre heitere Unterhaltung und ihr Lachen war noch laut in der nächtlichen Stille und noch vom Ende der Straße her deutlich vernehmbar, als sich Mann und Frau am Fuß der Treppe, die zum Oberstock führte, trafen.

Noch standen alle Fenster der unteren Räume offen, das Silber lag noch auf dem Eßtisch, das kostbare Porzellan stand umher – mochte die Dienerschaft es vorläufig wegräumen! Käte fühlte eine große Sehnsucht, das Kind zu sehen. Sie hatte heute so wenig von ihm gehabt – den ganzen Tag Gäste! Und dann all die Fragen, die sie hatte hören, all die Antworten, die sie hatte geben müssen! Ihr Kopf brannte.

Als sie mit ihrem Mann zusammenstieß – Schlieben kam eilig aus seinem Zimmer, er hatte sich nicht einmal Zeit genommen, die Zigarren wegzuschließen –, mußte sie lachen: aha, er wollte auch hinauf! Sie hing sich an seinen Arm, und so stiegen sie Stufe um Stufe im gleichen Tritt.

»Zu Wölfchen,« sagte sie leise und drückte seinen Arm. Und er sagte, wie sich entschuldigend: »Ich muß doch mal sehen, ob der Junge von dem Lärm nicht wach geworden ist!«