»Er hat sicher in der Schule nachsitzen müssen, gnäd’ge Frau,« flüsterte das Hausmädchen beim Präsentieren der Bratenschüssel. »Ich werde es morgen schon von den andern Jungens ’rauskriegen und gnäd’ge Frau dann Bescheid sagen!«
»O du!« Der Knabe war aufgefahren; so leise sie das gelispelt hatte, er hatte es doch gehört. Der Stuhl polterte hinter ihm zu Boden, mit geballter Faust stürzte er auf das Mädchen los, packte es so gewaltig an, daß es gellend aufschrie und die Schüssel aus der Hand fallen ließ.
»Du Gans, du Gans!« Er heulte es laut heraus und wollte sie schlagen; nur mit Mühe zerrte ihn der Vater zurück.
»Wölfchen!« Käte war die Gabel klirrend aus der Hand gefallen, mit weiten Augen, ganz starr, sah sie auf ihren Jungen.
Das Mädchen beklagte sich bitter: so war er immer, es war nicht auszuhalten, vorhin hatte er erst gesagt: ›Halt dein Maul!‹ Nein, das konnte sie sich nicht gefallen lassen, lieber zog sie! Und weinend lief sie aus dem Zimmer.
Schlieben war empört. »Du sollst gegen Untergebene manierlich sein! Gerade weil sie dienen müssen, sollst du höflich sein! Hörst du?« Und er faßte den Jungen mit kräftiger Hand, zog ihn übers Knie und gab ihm die wohlverdienten Schläge.
Die Zähne zusammenbeißend, ohne Laut, ohne Träne, ließ Wolfgang die Strafe über sich ergehen.
Aber der Mutter fiel jeder Schlag aufs Herz. Sie war selber wie geschlagen, ganz wie zerschlagen. Als ihr Mann nach dem stürmischen Mittagessen seine Siesta hielt, rauchte, die Zeitung las und ein wenig dabei einnickte, schlich sie hinauf zur Kinderstube, in die der Junge eingeschlossen worden war. Ob er weinte?
Sachte drehte sie den Schlüssel – er kniete auf dem Stuhl am Fenster, die Nase platt an die Scheibe gedrückt, und sah aufmerksam hinaus in den Schnee. Er bemerkte sie gar nicht; da zog sie sich vorsichtig wieder zurück. Sie ging wieder hinunter, aber sie fand nicht die innere Ruhe, um in ihrem Zimmer zu lesen; auf leisen Sohlen, wie rastlos, glitt sie durchs Haus. Da hörte sie, mitten zwischen Tellergeklapper, in der Küche Lisbeth zur Köchin sagen: »Das lasse ich mir denn doch nicht gefallen! Von so ’nem Bengel nicht! Was hat denn der hier zu suchen?!«
Von einem lähmenden Schrecken befallen, stand Käte starr: was – was wußte die?! Es wurde ihr glühend heiß und dann eisig kalt. ›Von so einem Bengel nicht – was hat der hier zu suchen?‹ – o, um Gottes willen, so sprach die?!