Sie lief wieder hinauf zur Kinderstube; dort kniete Wölfchen noch immer am Fenster.

Hier hemmte noch keine Nachbarvilla die Aussicht: man sah von diesem Fenster aus ein großes Stück unbebautes Feld, auf dem sommers Löwenzahn und Brennessel zwischen wildem Hederich im Sande vegetierten, jetzt aber Schnee lag, hoch und rein, von keinem Fußtritt berührt. Es dunkelte schon der frühe Winterabend, nur dies weiße Feld schimmerte noch, und im bleichen Schein der Schneehelle dünkte der Mutter des Kindes Gesicht sehr blaß.

»Wölfchen!« rief sie sanft. Und dann: »Wölfchen, wie konntest du zu Lisbeth sagen: ›Gans‹ und ›Halte dein Maul?!‹ O pfui! Woher hast du das?!« Sie fragte es leise-traurig.

Da drehte er sich nach ihr herum, und sie sah, wie seine Augen brannten. Es flackerte darin wie eine geängstete, unruhige Sehnsucht.

Sie sah auch das, und ganz gegen alle Regeln der Pädagogik öffnete sie die Arme und flüsterte – als es ihr entflohen war, war ihr’s selbst nicht klar, warum sie es gesagt hatte, hatte er doch alles, alles, was sein Herz begehrte – flüsterte: »Du armes Kind!«

Und er lief in ihre Arme.

Sie hielten sich umfangen, Herz klopfte an Herz; sie waren beide traurig, aber keiner von ihnen wußte, warum er selber so traurig, und auch nicht, warum der andere so traurig war.

»Es sind nicht die Schläge,« murmelte er.

Sie strich ihm mit glättender Hand das straffe Haar aus der Stirn; sie fragte ihn jetzt nicht mehr. Denn – stieg dort aus dem Schneefeld nicht etwas auf, schwebte am Fenster empor und legte den Finger auf die Lippen: ›Still, nicht fragen, nicht daran rühren?!‹

Aber sie blieb bei ihm und spielte mit ihm, ihr war, als dürfe sie ihn heute nicht allein lassen. Ja, sie mußte sich von jetzt ab überhaupt noch mehr um ihn kümmern! Wie eine Last fiel es ihr plötzlich auf die Seele: sie hatte ihn schon viel zu viel sich selber überlassen! Aber dann tröstete sie sich wieder: er war ja noch so jung, er war ja noch ganz weiches Wachs, das sie formen konnte, wie sie wollte! So am Fenster stehen und mit so brennenden Augen hinaus ins öde Feld starren, durfte er nie mehr! Nach was sehnte er sich? Hatte er denn nicht Liebe die Fülle? Und alles andre, was ein Kinderherz erfreut?!