Nun wieder die weiche, zitternde Stimme: »Willst du denn nicht mein gutes Kind sein?«
Wenn der Bengel jetzt nicht antwortete, dann –! Dem wider Willen Zuhörenden stieg das Blut zu Kopf, es zuckte in seinen Fingern, er wollte aufspringen, wieder hineineilen und – aha, jetzt mußte er geantwortet haben! Freilich wohl nur durch ein stummes Nicken, aber Kätes Stimme klang innig erfreut: »Siehst du, ich wußte es ja, du bist mein gutes Kind, mein geliebtes Kind, mein – mein –!«
Nun, das war wahrhaftig auch nicht vonnöten, daß, nachdem der Junge eben noch so ungezogen gewesen war, Käte jetzt solche Liebestöne an ihn verschwendete! Und geküßt mußte sie ihn haben, umarmt! Ihre Stimme war erstorben wie in einem zärtlichen Hauch.
Nun hörte Schlieben gar nichts mehr; kein Rauschen ihres Kleides, keinen Laut – aha, jetzt flüsterte sie wohl in ihn hinein?! Wie sie den Bengel verwöhnte!
Doch jetzt – ein leises Weinen! War das noch Wolfs etwas harte, trotzige Knabenstimme? Wirklich, er weinte jetzt laut, und unterm Schluchzen stieß er kläglich hervor, kaum, daß man’s verstehen konnte: »Ich mußte ihn – aber doch erschießen – er ist doch der Gendarm!«
Und nun war alles wieder still. Schlieben nahm die Zeitung auf, die er vorhin weggeworfen hatte, und begann zu lesen. Aber er war nicht recht bei der Sache, hartnäckig wanderten seine Gedanken immer wieder ins Nebenzimmer. War der Bengel nun vernünftig, sah er seine Ungezogenheit ein? Und war Käte nicht gar zu schwach?! Es war nichts, gar nichts mehr zu hören. Oder doch – knarrte jetzt drinnen nicht die Tür? Nein, Täuschung, alles still!
Nachdem Schlieben noch eine Weile gewartet hatte, ging er hinüber. Da war es in der Tat sehr still, denn Käte war ganz allein. Sie saß am Fenster auf dem erhöhten Tritt, hatte die Hände in den Schoß gelegt und sann vor sich hin. Sie schien ganz abwesend.
»Wo ist der Junge?«
Erschrocken fuhr sie zusammen und hob wie abwehrend beide Hände.
Nun sah er, daß sie blaß war. Der Ärger mit dem Jungen hatte sie doch wohl sehr angegriffen – wart, das sollte er büßen, doppelt so viel Exempel rechnete er heute zur Strafe!