Zuletzt mußte sie doch ein wenig geschlummert haben, denn auf einmal hörte sie, wie von ganz weit her, die Stimme ihres Mannes: »Mach dich fertig, mein Herz! Berlin!« – und fuhr auf.
Schon waren sie im Gewirr zahllos sich kreuzender Gleise. Jetzt rauschte der Zug unter die Glashalle.
»So weit wären wir!« Er half ihr hinaus, und sie fing an vor Ungeduld zu zittern. Das war ja endlos, dieses Treppab- und Treppauflaufen, dieses Hinübergehen auf den andern Bahnsteig und dann das Warten und Lauern auf den Vorortzug! Ob Wölfchen auch noch nicht schlief? Es würde dunkel sein, bis sie draußen waren!
»Kommt der Zug bald? Wieviel Uhr ist es? Mein Gott, wie lange das dauert!«
»Beruhige dich, der Junge wartet auf dich! Was denkst du wohl, der sitzt jetzt abends noch immer lange bei der Cilla; am Tage hat sie nicht so viel Zeit für ihn. Ein nettes Mädchen! Du hast einen guten Griff getan!«
Sie überhörte das ganz, dachte sie doch immerwährend daran, wie sie ihn finden würde. Ob er sehr gewachsen war?! Sich verändert hatte?! Kinder in seinem Alter sollen sich ja immerfort ändern – ob er sich verhäßlicht hatte oder ob er noch so hübsch war? Gleichviel – früher hatte sie mehr auf das Äußere gegeben – wenn er jetzt nur lieb, recht lieb war! Schon hörte sie seinen Jubelschrei, schon fühlte sie seine Arme um ihren Nacken, seinen Kuß auf ihrem Mund.
Der Wind, der angenehm abendlich geworden war, nach dem immerhin noch heißen Herbsttag, fächelte ihr Gesicht, ohne die von innen heraus glühenden Wangen kühler machen zu können. Als sie vorm Hause anhielten, das, anmutig versteckt, mit seinen Balkonen voll leuchtend roter Geranien hinter den immergrünen Kiefern unterm reichgestirnten Septemberhimmel lag, klopfte ihr das Herz, als wäre sie viel zu weit und zu rasch gelaufen. Endlich! Sie atmete tief auf: nun war sie wieder bei ihm!
Aber er kam ihr nicht entgegengelaufen. Daß er auch gar nicht aufgepaßt hatte!
»Sie werden auf der Veranda, hinten heraus, sitzen,« sagte Schlieben. »Da sitzen sie immer des Abends!« Er blieb ein wenig zurück. Mochte Käte den Jungen nur erst mal für sich allein begrüßen!
Und sie eilte durch die Halle, an dem freundlich strahlenden Gesicht der Köchin vorüber, sah nicht den Friedrich, der jetzt die Dienerlivree angelegt hatte, nachdem er vorher noch alles mit seinen selbstgezogenen Blumen dekoriert hatte; sie bewunderte weder seine gärtnerischen Erfolge, noch die selbstgebackene Torte, die die Köchin auf den festlichen Tisch gestellt hatte. Aus der Halle war sie in ihren kleinen Salon und von da durchs Eßzimmer gelaufen, dessen Tür auf die Veranda führte. Die Tür war geöffnet – nun stand sie auf der Schwelle – die draußen gewahrten sie nicht.