Nur wenige Monate blieb dieser Zustand bestehen, denn gerade die von den Mächten befohlene Herabsetzung der Streitkräfte führte zum Aufstand, zuerst in der Brigade des Generals Madaliński, am 24. März 1794 unter Thaddäus 1794 Kościuszko auch in Krakau. Die Vorbereitungen hatten in Warschau in den Händen des Generals Działyński, in Sachsen in den Händen Ignaz Potockis und Kollątajs gelegen. Kościuszkos Sieg bei Raclawice in der Nähe von Krakau beschleunigte den Aufruhr in Warschau und Wilna, ließ von allen Seiten die Truppen ihm zuströmen. Aber den vermehrten Truppen Rußlands und Preußens konnten die Aufständischen nicht standhalten. Bei Szczekociny, unfern Kielce, wurde Kościuszko zum Rückzug gezwungen, bei Chełm Zajączek geschlagen, Krakau von den Preußen besetzt, Warschau von ihnen belagert. Dann schlugen bei Maciejowice an der Weichsel die Russen Kościuszko entscheidend. Er selbst wurde verwundet und gefangen genommen. (Der Ausruf „Finis Poloniae!”, den er fallend getan haben soll, ist eine Legende.) Als schließlich Suworow die Warschauer Vorstadt Praga im Sturm nahm, gab auch der den Aufstand leitende „Nationalrat” seine Sache verloren und überlieferte die Hauptstadt den Russen.
Zu Petersburg wurde am 3. Januar 1795 zwischen Rußland und Österreich, am 24. Oktober zwischen Rußland und Preußen der Vertrag über die dritte Teilung Polens 1795 geschlossen. Österreich erhielt als Ersatz für das an Frankreich verlorene Belgien das Land zwischen dem nördlichen Bug, der Weichsel und Pilica mit Krakau, 45 922 qkm mit einer Million Einwohnern, Preußen das Land westlich davon mit Warschau, und weiter östlich bis zum oberen Knie des Njemen, 54 898 qkm mit nicht ganz einer Million Seelen, und Rußland den Rest, 111 780 qkm mit 1 200 000 Einwohnern. In Niemirow am nördlichen Bug stießen die neuen Grenzen der drei Mächte zusammen. Stanisław August dankte in Grodno ab, wo er bis zum Tode Katharinas lebte. 1796 wurde er nach Petersburg überführt. Dort ist er am 12. Februar 1798 gestorben. 1798
Polen aber war aus der Reihe der selbständigen Nationen gestrichen.
[Sechstes Buch.]
Die Polen nach dem Verluste ihrer Selbständigkeit.
20. Kapitel.
Von der Organisation der neuen Provinzen bis zum Wiener Kongreß.
Die Betrachtung der polnischen Schicksale nach der Auflösung des Reiches gehört zwar im strengen Sinne des Wortes nicht mehr in eine polnische Geschichte, sondern in die Geschichte der Teilungsmächte. Aber da das polnische Problem noch heute alle Welt beschäftigt, so erscheint es nützlich, wenn wir uns wenigstens in Kürze auch über die Geschichte des polnischen Volkes im 19. Jahrhundert unterrichten.
Am einfachsten lagen in den neuerworbenen Landesteilen die Verhältnisse für Rußland. Es hatte dort mit einer größtenteils Russisch, wenn auch nicht Großrussisch sprechenden und griechisch-katholischen, wenn auch zum Teil unierten Bevölkerung zu tun. Katharina bildete also neue Gouvernements, ließ das litauische Statut als Rechtsquelle bestehen, hielt alle drei Jahre zur Wahl der Richter und der den Verkehr der Regierung mit den Landschaften vermittelnden Marschälle sejmiki ab. Gewaltsam griff sie nur gegen die Unierten ein, indem sie befahl, daß alle, deren Väter 1595 zur Union übergetreten waren, zur Orthodoxie zurückkehren müßten. Erst Paul gestattete die Neuorganisation der unierten Kirche mit einem Erzbistum in Polozk und Bistümern in Łuck und Brześć Litewski (1798).
Österreich bildete 1772 ein besonderes Kronland unter dem Namen Galizien und Ludomirien (nach den Städten Halicz und Wlodzimierz). Den 1795 erworbenen Teil verleibte es unter dem Namen Westgalizien ein. An die Spitze wurde ein Statthalter gestellt, das Land wurde in Kreise und Distrikte mit Kreisämtern und Kreishauptleuten geteilt. 1782 wurde 1782 an Stelle des polnischen österreichisches Recht eingeführt. Die das Josephinische Zeitalter auszeichnende Germanisierungstendenz des straff zentralisierten österreichischen Staates wurde auch in Galizien zur Anwendung gebracht, indem man die Richter- und Beamtenstellen mit Deutschen besetzte. Die Gerichtssprache war anfangs lateinisch, dann deutsch. Ebenso wurde in den verbesserten und vermehrten Schulen die deutsche Unterrichtssprache eingeführt. In Lemberg verwandelte Kaiser Joseph das Lyzeum in eine Universität (1784), die Kaiser Franz 1805 zugunsten Krakaus aufhob, 1784
1775 die dann aber 1817 von neuem eröffnet wurde. 1775 gewährte Joseph auch eine ständische Vertretung, 1804 Franz besondere Adelsgerichte, die Fora nobilium. An der dem österreichischen Recht entsprechenden Gliederung in Adel, Bürger und Bauern und an den bäuerlichen Verhältnissen wurde nichts geändert, nur mußte der Grundherr zur Ausübung seiner Gerichtsbarkeit einen besonderen Justitiarius oder Mandatarius unterhalten, der dem Kreisamt unterstellt war. Von den 214 Klöstern hob Joseph 150 auf. Den Protestanten und Orthodoxen wurde durch das Toleranzedikt von 1781 in der ganzen Monarchie bürgerliche Gleichstellung 1781 mit den Katholiken gewährt. Die Kolonisation mit deutschen Bauern wurde in großem Umfange aufgenommen. Viele Siedelungen haben sich bis heute deutsch erhalten.