Die Cholera räumte auf beiden Seiten schrecklich auf. Auch der Großfürst und Diebitsch fielen ihr zum Opfer. Diebitschs Nachfolger wurde Paskewitsch, der die Weichsel überschritt und auf dem linken Ufer gegen Warschau vorrückte. Skrzynecki, der keine Schlacht annahm, wurde des Oberbefehles entsetzt. An seine Stelle trat Dembiński, der sich aber ebenfalls zu keiner Schlacht entschließen konnte. Während die Russen die Hauptstadt bereits bedrohten, feierte dort die polnische Anarchie wieder einmal ihre Orgien. Unter der Führung des „Klubs der patriotischen Gesellschaft”, dessen Vorsitzender der Historiker Lelewel war, und des alten Generals Krukowiecki, der nach dem Oberkommando strebte, brach in der Nacht vom 15. zum 16. August ein Aufstand aus, dem mehrere wegen ihrer Niederlagen im Gefängnis sitzende Generäle zum Opfer fielen, und der die nationale Regierung zur Abdankung zwang. Einen Tag später ernannte der Reichstag Krukowiecki zum Haupt der Regierung. Den Oberbefehl erhielt Małachowski.
Am 6. und 7. September stürmten die Russen. Krukowiecki kapitulierte am Morgen des 7. September gegen Gewährung einer allgemeinen Amnestie, der Reichstag nahm die Kapitulation aber nicht an. Präsident wurde nun Niemojewski, dem nichts übrigblieb, als in der Nacht des 7. September auch seinerseits zu kapitulieren. Regierung, Reichstag und Armee erhielten freien Abzug nach der Festung Modlin. Von dort wurde, da Paskewitsch nunmehr unbedingte Unterwerfung forderte, der Rückzug über Płock nach Preußen fortgesetzt, wo die Armee die Waffen abgab. Am 9. und 24. Oktober übergaben sich Modlin und Zamość, die letzten Festungen, den Russen.
Damit erlosch der Aufstand, der ungenügend vorbereitet gewesen war und von vornherein an Hader im eigenen Lager gekrankt hatte. Das liberale Bürgertum ganz Europas beweinte das Schicksal der „edlen Polen”, denen die größten Dichter der Zeit gefühlvolle Lieder sangen.
Es ist selbstverständlich, daß diesem unerwarteten Ausbruch polnischer Besinnung gegenüber Rußland nunmehr mit größter Strenge vorging. Die Amnestie wurde denen, die sich im Aufstande besonders hervorgetan hatten, nicht gewährt. Die Konstitution von 1815 wurde durch das „Organische Statut” vom 26. Februar 1832 ersetzt. Die 1832 Selbständigkeit Polens wurde natürlich aufgehoben, das Heer dem russischen einverleibt. An Stelle des Reichstags trat ein vom Kaiser ernannter, zum Teil aus Russen bestehender Staatsrat. Paskewitsch wurde Statthalter mit dem Administrationsrat zur Seite. Presse und Schulwesen wurde umgestaltet und streng überwacht. Die Universitäten zu Warschau und Wilna verfielen der Aufhebung, desgleichen die „Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften”, die trotz ihrer rein wissenschaftlichen Ziele am Aufstand nicht unbeteiligt geblieben war. Die unierten griechischen Katholiken, die sich in Litauen und Kleinrußland wieder als unzuverlässige Untertanen des Zaren erwiesen hatten, wurden unterdrückt. 1839 1839 zerriß die unierte Geistlichkeit die Union durch einen förmlichen Akt und erklärte ihre Rückkehr zur orthodoxen Kirche. Niemand konnte mehr studieren oder Offizier werden, der nicht des Russischen mächtig war. 1840 1840 wurde die Kenntnis des Russischen Vorbedingung für die Übernahme jedes öffentlichen Amtes, und 1842 folgte 1842 die Beseitigung der eigenen polnischen Münze.
Einen Bruch der Wiener Kongreßakte vermag der objektive Beurteiler entgegen der polnischen Auffassung hierin nicht zu erblicken. Abgesehen davon, daß der Satz vom selbständigen Königreich und von der Konstitution niemals in die Akte hineingekommen wäre, wenn nicht Alexander selbst es gewünscht hätte, waren alle Verpflichtungen der russischen Herrscher durch den polnischen Treubruch erloschen.
Von den Aufständischen waren viele nach Frankreich geflüchtet. Die Emigranten teilten sich dort in zwei Gruppen, die „Demokratische Gesellschaft” unter Lelewel und die Konservativen unter dem Fürsten Adam Czartoryski, nach dessen Palast sie sich „Hotel Lambert” benannten. Der Fürst wurde als der Repäsentant Polens betrachtet. Er entfaltete eine unermüdliche Agitation in der Presse, bei den Regierungen und Parlamenten, weil er, den Traditionen seiner Familie entsprechend, durch fremde Hilfe etwas zu erreichen hoffte. Die Demokraten hingegen bereiteten neue Erhebungen vor. Schon 1833 versuchte der Oberst 1833 Zaliwski mit seinen „Partisanen” durch Preußen und Österreich in Polen einzudringen, um dort einen Aufstand zu erregen. Das wahnsinnige Unternehmen scheiterte aber völlig und hatte nur zur Folge, daß die drei Monarchen in Münchengrätz zusammenkamen, die Heilige Allianz erneuerten und besonders Maßnahmen gegenüber den polnischen Aufstandsversuchen vereinbarten.
Schon vor der Zusammenkunft hatte sich die Politik Österreichs und Preußens infolge des Aufstandes geändert. Nach Galizien wurde Erzherzog Ferdinand von Este als Statthalter gesandt und Baron Krieg ihm als Vizepräsident zur Seite gestellt, der nach Metternichschem System seines Amtes waltete.
Preußen, das während der Unruhen seine Grenze durch eine starke Armee unter Gneisenau geschützt hatte, erntete die Früchte seiner bauernfreundlichen Politik: der polnische Bauer war nicht unter die Waffen zu bringen. Im ganzen schlossen sich nur 2000 preußische Untertanen, fast durchweg Edelleute, dem Aufstand an. Aber das System der Nachsicht und der Zugeständnisse hatte auch in Preußen einen Stoß erlitten. Radziwill legte 1830 sein Amt nieder 1830 und der Statthalterposten wurde aufgehoben. Oberpräsident wurde Eduard Heinrich von Flottwell, ein Ostpreuße, unter Schön ausgebildet. Seine Amtsführung, die ¾ Jahre nach des dritten Friedrich Wilhelm Tode ihr Ende erreichte, ist die glänzendste Zeit preußischer Verwaltung in der Provinz Posen. Vieles, was er erstrebte und in staatsmännisch bedeutenden Denkschriften niederlegte, hat er zwar bei der Zentralstelle nicht durchgesetzt. Wir Heutige mühen uns in vielem noch, seine Gedanken in die Tat umzusetzen. Aber auch was er zu Ende führen durfte, bedeutete Erfolges genug. Im Provinziallandtags-Abschied von 1832 1832 sprach der König entschieden aus, daß er den Polen ein Vaterland gegeben habe, in dem ihnen die Aufrechterhaltung ihrer Religion und der Gebrauch ihrer Muttersprache neben der deutschen zugesichert sei. Mehr zu tun und ihnen einen Vorzug zu gewähren, sei nicht seine Absicht gewesen und würde der Staatseinheit widersprechen. Der Schriftwechsel sämtlicher Verwaltungsbehörden, auch der geistlichen und landschaftlichen, hatte fortan deutsch zu erfolgen. 1834 wurde 1834 verfügt, daß auch im Justizwesen polnische Schriftsätze nur noch mit deutscher Übersetzung vorkommen durften. Auf diese Weise war der Vorrang der Staatssprache gesichert.
Die Städteordnung von 1831 wurde nach und nach 1831 in 41 Städten der Provinz eingeführt. Die Landratswahl wurde den Kreisständen entzogen, da die polnischen Landräte nicht nur liederlich verwaltet, sondern auch den Aufstand unterstützt hatten. Ebenso hatten die Gutsbesitzer von der ländlichen Ortspolizei nicht den erwarteten Gebrauch gemacht. Infolgedessen wurde die Vogtverfassung aufgehoben und 1836 eine Einteilung der Kreise in Distrikte 1836 vorgenommen, an deren Spitze ein Distriktskommissar stand. Alle Klöster wurden 1833 säkularisiert, ihre 1833 Güter zu Schulzwecken verwendet. Den adligen Mediatstädten brachte das gleiche Jahr Ablösung sämtlicher Abgaben und Lasten. Wie sehr diese Städtepolitik in jenen Jahren dem Deutschtum zugute kam, geht daraus hervor, daß 1840 alle Städte des Regierungsbezirks Posen mit Ausnahme von zehn mehr deutsche Einwohner hatten als 1895. (Der Rückschlag begann mit der Aufhebung des Einzugsgeldes und Einführung der Gewerbefreiheit, Maßnahmen, die das polnische Landproletariat in die Städte strömen ließen.) Auf dem Lande wurde das Ablösungswerk ebenfalls beschleunigt durchgeführt. Auch ein der späteren Ansiedlungskommission ähnlicher Versuch wurde unternommen. Für eine Million Taler polnische Besitzungen durfte Flottwell kaufen und an Deutsche weiter begeben. 30 neue deutsche Rittergutsbesitzer wurden auf diese Weise gewonnen. In dasselbe inhaltreiche Jahr 1833 fällt ferner die Judengesetzgebung, die ihren Gemeinden Korporationsrechte und dem einzelnen die Möglichkeit der Naturalisation gab, die Niederlassung in anderen Städten und auf dem platten Lande gestattete. Dadurch ist die heute im russischen Anteil so unheilvolle Judenfrage für die Provinz Posen ohne Beschwerde gelöst worden.
Der Polenfreund Friedrich Wilhelm IV. nötigte den 1840 hervorragenden Oberpräsidenten, im Jahre 1841 um seine Versetzung zu bitten, indem er durch Kabinettsorder befahl, daß künftig alle Zivilprozesse in der Sprache des Klägers zu führen seien, also das ganze bisherige, infolge des demonstrativen Fernbleibens der Polen vom Staatsdienst überhaupt einzig mögliche System desavouierte. Schon vorher hatte er den Erzbischof Dunin, den sein Vater wegen Widersetzlichkeit im Mischehenstreite nach Kolberg geschickt hatte, zurückkehren lassen und bei der Krönung in Königsberg in auffälliger Weise ausgezeichnet. Der Dank war 1843 1843 eine Adresse des Provinziallandtages, in der gesagt wurde, die Zumutung, daß die Polen sich als Preußen betrachten sollten, sei eine Gefährdung der Versprechungen von 1815. Des Königs Wankelmut verhinderte die gebührende Antwort.
Ungestört breitete sich das Geheimbundwesen und die Agitation in Posen aus. Anfang 1846 sollte zugleich in 1846 allen drei Anteilen ein neuer Aufstand ausbrechen, von Paris aus organisiert. Aber der zum Führer erkorene Mierosławski wurde bei Gnesen gefangen genommen, ehe er losschlagen konnte. Infolgedessen mißlang der ganze Aufstand, denn die einzelnen Putsche wurden mit Leichtigkeit unterdrückt, auch in Galizien. In Rußland fanden die Emissäre überhaupt kein Gehör.