Die einzige Folge war, daß die Republik Krakau, seit 1830 ein Herd der Unruhe, aufgelöst und dem österreichischen Staate einverleibt wurde (1846).
Des Königs Schwäche, die die Todesurteile gegen die Führer des Aufstandsversuches unvollstreckt ließ, rächte sich bitter. Denn im unruhigen Jahre 1848 erhielten Mierosławski 1848 und Genossen Amnestie. Sie eilten nach Posen, wo sie den Aufstand organisierten, obwohl der König einer Deputation unter Führung des Erzbischofs Przyłuski das Versprechen einer „nationalen Reorganisation des Großherzogtums” gegeben hatte und allen noch so weitgehenden Forderungen entgegenkam. Die preußischen Adler wurden heruntergerissen, die Kassen beschlagnahmt, die Beamten verjagt, die Deutschen mißhandelt. Doch aus dem Deutschtum der Provinz heraus erhob sich ein organisierter Widerstand und der kommandierende General von Colomb hielt die Truppen bereit. Da entsandte der König den General Willisen, der den Polen die unglaublichsten Zugeständnisse machte: polnische Geschäftssprache, polnische Beamte, eine Nationalarmee mit polnischen Kokarden und selbstgewählten Offizieren. Mit Mierosławski schloß er die Konvention von Jarosławice ab, die dem Aufrührer gestattete, seine Bande in vier Standquartieren unter den Waffen zu behalten. Das machte den General so verachtet, daß die Kürassiere vor ihm ausspuckten und die Deutschen in Posen ihm zu Leibe gehen wollten. Der Oberpräsident und der kommandierende General bedeuteten ihm, daß er, der königliche Bevollmächtigte, sofort die Provinz zu verlassen habe! An seiner Stelle traf der General von Pfuel mit diktatorischer Vollmacht ein, der dem Aufstand bald ein Ende machte. Mierosławski aber wurde zum zweiten Male begnadigt!
Die Opposition der Deutschen gegen die „nationale Reorganisation des Großherzogtums” hatte zur Folge, daß der König die Provinz in eine westliche und eine östliche Hälfte schied. Die westliche sollte in den Deutschen Bund aufgenommen, die östliche „reorganisiert” werden. Damit waren wieder die Polen nicht zufrieden. Sie entfalteten eine lebhafte Gegenagitation, in der sogar erzbischöfliche Hirtenbriefe helfen mußten. Der Bundestag folgte am 2. Mai 1848 dem preußischen Antrage, das Reichsparlament in der Paulskirche am 27. Juni. Da aber die Ziehung der Grenzlinie Schwierigkeiten machte, so ist in die preußische Verfassung von 1848 die Teilungsabsicht nicht hineingekommen. Und eine der ersten Taten des neuen preußischen Bundestagesgesandten, von Bismarck, war es, daß er die Einverleibung in den Deutschen Bund wieder rückgängig machte, nachdem man sich in Berlin 1850 der Gefährlichkeit dieser Einverleibung und derjenigen Ost- und Westpreußens für die Großmachtstellung Preußens bewußt geworden war.
Österreich hatte 1848 namentlich in Krakau und Lemberg mit dem Aufstand zu kämpfen, mußte sogar beide Städte bombardieren, wurde aber des Aufstandes ebenfalls Herr. Nur Russisch-Polen war infolge der Politik der starken Hand wieder ruhig geblieben. Dort fiel 1851 die Zollgrenze gegen 1851 Rußland, für die neue polnische Industrie ein Schritt von entscheidender Bedeutung, aber für den Selbständigkeitsstolz bitter. Vergeblich hofften die Polen auf Napoleon III. und den Ausgang des Krimkrieges, vergeblich auf die Thronbesteigung des als liberal bekannten Alexander II. Der Pariser Friede erwähnte Polen nicht, und als Alexander II. im Jahre 1856 zum erstenmal nach Warschau kam, erklärte 1856 er, daß wohlgetan sei, was der Vater getan habe. Nur den Kriegszustand hob er auf und schickte die Verbannten aus Sibirien zurück. Immerhin entsandte er nach Paskewitschs Tode den milden Fürsten Gortschakow als Statthalter nach Polen.
Doch selbst diese kleinen Zugeständnisse erwiesen sich als verfehlt. Denn die geheimen Parteien wühlten nun um so eifriger weiter, in steter Verbindung mit den gesamten revolutionären Organisationen Europas. Sie begannen, von Gortschakow weniger befürchtend, die Massen durch Demonstrationen einzuexerzieren, wozu sie mit Vorliebe Prozessionen, Begräbnisse und Gottesdienste benutzten. Am 25. Februar 1861, am Jahrestage der Schlacht von Grochow, kam es erstmalig zu blutigen Konflikten. Und obwohl und vielleicht gerade weil der Zar dem Lande im März eine eigene Unterrichts- und Justizkommission unter dem angesehenen Markgrafen Alexander Wielopolski gewährte, wurde im April eine Versammlung der Landwirtschaftsgesellschaft wieder zu Demonstrationen vor dem Schlosse mißbraucht. Als die Truppen mit Steinen beworfen wurden, gaben sie Feuer und töteten gegen 200 Mann. Die gleichen Vorgänge wiederholten sich im Oktober, am Todestage Kościuszkos, nur wurden diesmal gegen 1700 Personen eingesperrt. Nach einer kurzen Diktatur des Generals Lüders schickte Alexander am 8. Juni 1862 seinen 1862 Bruder Konstantin als Statthalter, dem er den Wielopolski als Präsidenten der Zivilverwaltung beigab, zugleich dem Königreich völlige Autonomie gewährend.
Die Antwort auf diese edelmütige Tat waren Mordversuche, am 8. Juli gegen den Großfürsten, am 7. und 15. August gegen Wielopolski. Um sich von den unruhigen Elementen zu befreien, veranstaltete die Regierung eine Aushebung, vornehmlich der „schlecht Notierten” am 15. Januar 1863.
Das gab das Signal zum Ausbruch des Januaraufstandes 1863 unter dem „Nationalen Zentralkomitee”, das sich als „provisorische Nationalregierung” auftat und zu den Waffen rief. Langiewicz wurde zum Diktator ernannt, konnte aber ebensowenig Erfolge erzielen wie der unvermeidliche Mierosławski. Größere Ansammlungen von Aufständischen verhinderte die Stärke der im Lande stehenden Militärmacht, wenngleich im März bei Ponin, Kalisch und Warka die Insurgenten Erfolge errangen. Diplomatische Noten Frankreichs, Englands und — Österreichs blieben wirkungslos, da Bismarck sich energisch auf Rußlands Seite stellte und Gruppen an die Grenze schickte, die die übertretenden Aufständischen abfingen. Als an Stelle des Großfürsten Konstantin Graf Berg Statthalter geworden war und in Litauen Murawiew mit gleicher Strenge vorging, wurde der Brand bald vollends gedämpft. Der Bauernstand hatte sich auch diesmal ferngehalten, da der Aufstand in die Zeit der Bauernbefreiung fiel, die auch den litauischen und polnischen Bauern den freien Besitz ihrer Anwesen brachte.
[22. Kapitel.]
Die Politik der friedlichen Erneuerung.
Seitdem haben die Polen auch in Rußland ihr Glück nicht mehr in Aufständen versucht. Sie haben eingesehen, daß gegenüber so militärgewaltigen Staaten, wie die drei Teilungsmächte es sind, mit bewaffneter Hand Erfolge nicht erreicht werden können. Sie haben seit 1870/71 auch die Hoffnung auf eine französische Intervention zu ihren Gunsten verloren und den Wert englischer Sympathien beurteilen gelernt. Sie haben endlich erkannt, daß bei der bisherigen sozialen Struktur des polnischen Volkes und bei der nationale Ideen ausschließenden Unkultur der breiten Massen Fortschritte überhaupt nicht möglich seien. Infolgedessen hat sich die Taktik geändert. Friedrich Wilhelms IV. Freund, Graf Eduard Raczyński, hat vielleicht als erster diese Schwenkung ausgedrückt, indem er sagte: „Werden wir besser, gebildeter und wohlhabender als die Deutschen, dann sind wir die Herren in Posen.” Diese friedliche Erneuerung, am frühesten in Posen in die Tat umgesetzt, beherrscht seit Beendigung der Aufstandszeit die polnische Politik auch in den anderen Anteilen. Im Hintergrunde freilich steht, muß logischerweise nach wie vor stehen der Gedanke an die Wiedervereinigung und Unabhängigkeit, die nur unter Beteiligung des ganzen Volkes und nur dann erreicht werden kann, wenn Preußen und Rußland gemeinsam in einen Krieg verwickelt werden, in dem sie unterliegen, oder wenn sie sich gegenseitig aufreiben. Die ungünstige Grenzführung, die einerseits die deutschen Ostseestädte ihres natürlichen Hinterlandes beraubt, anderseits einem großen, vom schiffbaren Weichselstrom durchflossenen Gebiete Rußlands den Zugang zur See verwehrt, und die ferner für beide Teile lästig und gefährlich ist, läßt ja die Möglichkeit eines blutigen Zusammenstoßes nicht ausgeschlossen erscheinen. Österreich dagegen wird schon heute nicht mehr zu den „Erbfeinden” gerechnet.
In Österreich nämlich, wo bis gegen 1860 die Politik der Strenge herrschend blieb, trat nach Verleihung der Konstitution von 1860 und namentlich nach dem Kriege von 1866 ein Umschwung ein. Aus dem Deutschen Bund herausgedrängt, mußte es seine deutsche Politik aufgeben, da in der Zusammensetzung des Reichsrates nach und nach die deutsche Majorität verschwand. Die polnische Fraktion des Reichsrates, der Polenklub, hat sich diesen Umstand in geschickter Weise zunutze gemacht. Er bildet das Zünglein an der Wage, indem er je nach Bedarf mit den Slawen oder mit den Deutschen geht, so daß die Regierung auf ein Einvernehmen mit ihm angewiesen ist. Die weitgehende Selbstverwaltung, die den einzelnen Kronländern gewährt wurde, ist in Galizien zu einer vollständigen Polonisierung der Schulen, der Verwaltung und der Gerichte benutzt worden. Heute sind die Beamten durchweg Polen. Deutsche Dienstsprache haben nur die Post und die Armee. Abseits von der Masse der zisleithanischen Lande gelegen, von Ungarn durch die Karpathen getrennt, ist diese Entwicklung Galiziens zu einer einzig der Souveränität entbehrenden Autonomie auch geographisch verständlich. Charakteristisch ist, daß gerade in diesem Lande, wo die Polen Gelegenheit haben, ihre Begriffe von Freiheit und Menschenrechten in die Tat umzusetzen, 200 000 Deutsche mundtot gemacht sind, über drei Millionen (nach polnischer Zählung!) Ruthenen aber, 42,20 % der Bevölkerung, in einer Weise national unterdrückt werden, die den schlimmsten russischen Methoden nichts nachgibt.