Rußland vergalt, da des wohlwollenden und liberalen Zarbefreiers Entgegenkommen sich als verkehrt erwiesen hatte, den Aufstand von 1863 mit einer scharfen Reaktion. 1865 wurden die Kirchengüter in staatliche Verwaltung 1865 genommen, die Geistlichen auf Staatsbesoldung gesetzt, Polen der Erwerb von Gütern außer durch Erbschaft in den neuen westrussischen Gouvernements verboten. Die oberste Verwaltung wurde 1864/66 als Kommission des russischen 1864 bis 1866 Reichsrates nach Petersburg verlegt, dem Klerus, auch den Bischöfen, 1867, jeder direkte Verkehr mit dem Papste untersagt, das Russische 1869 als alleinige Unterrichtssprache 1869 in allen Schulen eingeführt. Im selbigen Jahre folgte auch die Unterstellung des Finanzwesens unter das russische Finanzministerium, im nächsten die Umwandlung von 300 (von etwa 450) Städten in Dörfer, 1876 die 1876 Einführung der russischen Gerichte, doch ohne die Geschworenengerichte. Die brutale Schärfe des Generalgouverneurs Gurko (1883–1894) führte 1884 zu einer 1884 Verschwörung, der viele andere, auch gegen das Leben des Kaisers Alexander III. folgten.
Eine Milderung des Systems erfolgte erst wieder unter dem Kaiser Nikolaus II., doch hat die führende Rolle, die die Polen in den Unruhen der letzten Jahre spielen, bewiesen, daß nur durch eine Politik der eisernen Faust Ruhe und Ordnung im Lande wirksamer aufrechtzuerhalten wären. In Litauen, Rot- und Kleinrußland haben die Polen aufgehört, der führende Stand zu sein. Die wirtschaftliche Entwicklung des russischen Anteils hat, allerdings größtenteils durch deutsche, französische und jüdische Intelligenz und mit Hilfe ausländischen Kapitals reißende Fortschritte gemacht, so daß in ganz Rußland nur noch der Moskauer Industriebezirk mit dem polnischen an Bedeutung wetteifern kann. Damit hat allerdings auch ein großer Teil der breiten Masse den Übergang von der Nationaldemokratie zur Sozialdemokratie vollzogen, der die nationalen Führer mit Besorgnis erfüllt. Fortschritte gemacht hat auch die kulturelle Entwicklung, so daß, von Finnland und den Ostseeprovinzen abgesehen, kein Teil des russischen Reiches auf gleicher Höhe steht. Hierauf, namentlich auf die Entwicklung des polnischen Schrifttums im 19. Jahrhundert in allen drei Anteilen einzugehen, ist hier nicht der Ort. Gerade die Entwicklung ihres Schrifttums erfüllt die Polen mit berechtigtem Stolz. Den Abstand freilich, der noch immer zwischen Posen und Russisch-Polen besteht, vermag nur der zu ermessen, der die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt.
Übrigens bilden die mehr als vier Millionen Juden, die in dem Gebiete des ehemaligen polnischen Reiches zusammengedrängt sind und in den Städten bis zu 84 % der Bevölkerung ausmachen, ein nicht zu unterschätzendes retardierendes Moment, nicht nur für die polnisch-nationale Entwicklung, da sie sich den sieben Millionen Polen nicht assimilieren, sondern auch für den wirtschaftlichen Fortschritt, da ihre Zahl für die ihnen gebotenen Erwerbsmöglichkeiten zu groß ist.
In jeder Beziehung am höchsten, auch höher als die galizische, steht die polnische Bevölkerung in Preußen. Daß dem so ist, ist ein Ruhmestitel für das Deutschtum im allgemeinen, für den preußischen Staat im besonderen. Denn nur die Erziehung (im weitesten Sinne des Wortes), die wir ihnen gegeben haben, hat die preußischen Untertanen polnischer Zunge vorbildlich für die Polen der anderen Anteile gemacht. Leider ist es aber auch uns nicht gelungen, sie zu treuen und loyalen Staatsbürgern heranzubilden. Nicht zum wenigsten Schuld daran trägt die schwankende Regierungspolitik, die die Polen in ihren nationalen Aspirationen bestärkte und in den Versuchen zu ihrer Durchsetzung kühner machte. (Was im folgenden namentlich im Hinblick auf Posen gesagt wird, gilt größtenteils auch für die polonisierten Teile Westpreußens.)
Wenngleich Friedrich Wilhelm den 1948er Bundestagsbeschluß wieder aufheben ließ, so hatte er doch aus dem Aufstand nicht das mindeste gelernt. Die Schule wurde dem polnischen Klerus völlig ausgeliefert, der sich ihrer nicht nur zur national-polnischen Erziehung der Kinder polnischer Muttersprache, sondern auch zur Verpolung deutscher Kinder katholischen Glaubens bediente. So sind z. B. die „Bamberger” der Posener Kämmereidörfer, die vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1850 ihr Deutschtum entschieden bewahrt hatten, unter den Augen, sogar unter Beihilfe der Regierung durch die Schulen verpolt worden, so daß sie heute außer dem Namen und der Tracht nichts mehr von ihrem Volkstum bewahrt haben. Die systematische Gleichsetzung der Begriffe Polnisch und Katholisch, mit der dem ungebildeten Volke gegenüber um so erfolgreicher operiert werden kann, als nicht nur die Agitatoren, sondern auch der Klerus bis zum Erzbischof hinauf sie benutzt, hat nicht wenig zur Verpolung der katholischen Deutschen in allen Teilen der Provinz beigetragen. Gleichzeitig hat diese Begriffsverwirrung aber auch dafür gesorgt, daß heute der Pole der niederen Stände in jedem Deutschen den Feind seines Glaubens sieht. Die Geistlichkeit ist so weit gegangen, das Gebet in deutscher Sprache für sündhaft zu erklären. Nur auf dieser Grundlage ist der durch eine maßlose Agitation erregte Schulkinderstreik gegen den deutschen Religionsunterricht im Jahre 1906 psychologisch möglich geworden. Die bedrohten deutschen Katholiken haben sich erst um die Jahrhundertwende zu den Vereinen deutscher Katholiken in der Provinz Posen zusammengeschlossen, die, obwohl kirchlich durchaus einwandfrei, vom polnischen Klerus bis zum Erzbischof hinauf eifrig bekämpft werden.
In die Zeit Friedrich Wilhelms IV. fällt auch die Begründung (1841) und der Ausbau des „Vereins zur Unterstützung 1841 der lernenden Jugend im Großherzogtum Posen”, nach seinem Gründer später Marcinkowski-Verein genannt. Unter national indifferenter Maske hat er sich die Heranbildung eines polnischen Mittelstandes zum Ziel gesetzt, indem er begabten jungen Leuten das Studium, anderen die gewerbliche Existenz ermöglicht. Zunächst von der Regierung blindlings und mit Eifer unterstützt, später zu stark geworden, um ohne diese Unterstützung einzugehen, hat er sein Ziel tatsächlich erreicht. Der polnische Mittelstand, der zu Flottwells Zeiten überhaupt noch nicht vorhanden war, ist heute so zahlreich und wohlhabend geworden, daß er dem Adel die Führung in der nationalen Bewegung entrissen hat.
Bismarck war im ersten Jahrzehnt seines Ministeriums so mit Fragen der auswärtigen Politik beschäftigt, daß er sich der Polenfrage nicht widmen konnte. Erst nachdem er das neue Kaisertum aufgerichtet hatte, wandte er sich innerpolitischen Problemen zu, zunächst dem polnischen. Der berühmte Brief vom 7. Februar 1872 an den Minister 1872 des Innern, Grafen Eulenburg, in dem er praktische Beweise eines Vorgehens „gegen die seit zehn Jahren prosperierende polnische Unterwühlung der Fundamente des preußischen Staates” verlangt, leitet die neue Ära ein. Die Einführung der staatlichen an Stelle der geistlichen Schulaufsicht beseitigte 1872 den Mißbrauch, der bisher mit der Schule betrieben worden war. In den höheren Lehranstalten wurde als Gegenmaßregel gegen die Agitation des Klerus im selben Jahre der Religionsunterricht in deutscher Sprache eingeführt, für die Volksschulen ein Jahr später die deutsche Sprache 1873 in allen Fächern, im Religionsunterricht aber nur in der Mittel- und Oberstufe und nur so weit, als die Kinder genügend des Deutschen mächtig seien. 1886 wurde 1886 für Westpreußen, Posen und Oberschlesien die Besetzung der Lehrstellen zu einem ausschließlichen Recht des Staates erklärt, da es sich herausgestellt hatte, daß als Lehrer polnischen Patronats nur Nationalpolen berufen wurden. 1887 kam auch der polnische Sprachunterricht 1887 in Wegfall. Der Erzbischof Ledochowski war, weil er die nationalen Bestrebungen begünstigte, schon 1874 abgesetzt worden. Er entsagte aber erst 1885, und sein Nachfolger 1885 wurde zum erstenmal ein Deutscher, Dinder. Die massenhaft einwandernden russischen Polen, die das nationale Zahlenverhältnis stark zuungunsten der Deutschen verschoben hatten, wurden in diesem Jahre ausgewiesen.
Vielleicht keine Maßregel aber war so einschneidend wie die Wiederaufnahme der Friderizianischen und Flottwellschen Kolonisationspolitik durch das Gesetz vom 26. April 1886 1886 betr. die Beförderung deutscher Ansiedelungen in Westpreußen und Posen. Denn die Verdeutschung der Schulen ist eine zweischneidige Waffe, da sie die Intelligenz der polnischen Masse ungemein hebt und die Polen, weil beide Landessprachen beherrschend, im zweisprachigen Sprachgebiet wirtschaftlich überlegen macht. Das Ansiedelungsgesetz aber, durch das der Staatsregierung 100 Millionen Mark zur Ansiedelung deutscher Bauern und Landarbeiter bewilligt wurden, sichert und vermehrt den deutschen Besitzstand, da die Ansetzungsbedingungen den Verkauf an Polen unmöglich machen. Bis Ende 1906 hat die Ansiedelungskommission, deren erfolgreicher Organisator von Wittenburg war und deren Fonds 1898 auf 200, 1902 1902 auf 350 Millionen erhöht wurde, 325 992 ha Landes angekauft und 12415 Familien mit rund 81 000 Seelen angesetzt, auch für Schulen, Kirchen, Bethäuser, Allmende, Gemeindeeinrichtungen in mustergültiger Weise gesorgt. Die Ansiedelungsdörfer bilden einen Schmuck des Landes. Sie mehren den Wohlstand der Provinzen, stärken indirekt das Deutschtum der Städte, und wenngleich die Polen durch Gründung von Landbanken und Parzellierungsgenossenschaften eine Gegenwehr einleiteten, so tragen sie, zwar langsam, aber sicher zur Verdeutschung des Landes bei.
Diese Eindeutschung aber ist im Interesse der Ruhe und 1890 Sicherheit des Staates notwendig, wie sich von neuem herausstellte, als trotz der Erfahrungen unter Friedrich Wilhelm IV. Kaiser Wilhelm II. nach Bismarcks Entlassung es wieder mit einer Versöhnungspolitik versuchte. Nach Dinders Tode wurde 1892 der bisherige Abgeordnete und Sprecher der polnischen 1892 Fraktion, Florian von Stablewski († 1906), Erzbischof, derselbe Mann, der als Jüngling an der Spitze der revolutionären Schülerverbindungen der Provinz gestanden hatte und nur durch Zufall der Bestrafung entgangen war. Der Unterrichtsminister Graf Zedlitz erlaubte den Lehrern wieder, in den Schulräumen polnischen Privatunterricht zu erteilen. Sein Nachfolger Bosse fügte diesen Unterricht sogar dem Stundenplan wieder ein. Der Abgeordnete von Kościelski ging bei Hofe ein und aus. Mit Hilfe der Polenfraktion wurden Militär- und Marinevorlagen durchgebracht. Es schien, als ob bei der Stimmenverteilung im Reichstag die Polenfraktion dieselbe Stellung erringen sollte, wie der Polenklub im österreichischen Reichsrat. Der polnische Mittelstand freilich hatte für die Feinheit dieser Politik kein Verständnis. Die seit dem vierjährigen Reichstag uns bekannten Gegensätze kamen zum Ausbruch, und 1893 siegte 1893 innerhalb der Fraktion die scharf nationale demokratische Richtung über die sogenannte „Hofpartei”. Auch die Deutschen der Provinz hatten kein Verständnis für eine solche Politik. Nach einer Huldigungsfahrt zum Altreichskanzler nach Varzin wurde 1894 der „Deutsche Ostmarkenverein”, 1891 nach den Gründern (von Hansemann, Kennemann, von Tiedemann) von den Polen H. K. T. Verein (daher Hakatisten) genannt, zur Zusammenfassung der Deutschen und zur Schärfung des nationalen Gewissens der Regierung gegründet. Die Polen, die schon lange in den „Sokoł”-(„Falke”-)Turnvereinen eingestandenermaßen eine „nationale Miliz” organisieren, haben sich durch die Erfolge des Ostmarkenvereins veranlaßt gesehen, 1905 durch Gründung des „Straż”-(„Wacht”-)Vereins die bisherige politische Geheimorganisation durch die wirkungsvollere öffentliche Organisation zu ersetzen. Auch hier sind wiederum die Geistlichen die lautesten Rufer im Streit.
Auch der Kaiser erkannte die Undurchführbarkeit der Versöhnungspolitik, und unter den Reichskanzlerschaften der Fürsten Hohenlohe und Bülow wurden die sonderbaren Errungenschaften der Ära Caprivi nach und nach wieder beseitigt. Der Verlust an Vertrauen des ostmärkischen Deutschtums zur Regierung ist allerdings nach den vielen Schwankungen nicht leicht wieder einzubringen. Und ebensowenig ist so leicht wieder gutzumachen, was die Polen infolge der Nachgiebigkeit der Regierung gewonnen haben. Denn der seit Jahrzehnten straflos gepredigte und durchgeführte wirtschaftliche Boykott gegen die Deutschen, die zahlreichen Vereine, die ausgedehnte Presse, die Unterstützung des polnischen Genossenschaftswesens durch die billigen Gelder der preußischen Zentralgenossenschaftskasse, die durch die staatliche Schulfürsorge ermöglichte gute Bildung, die Zugehörigkeit zu einem blühenden Staatswesen haben aus dem wirtschaftlich gänzlich daniederliegenden, zum größten Teil in tierischer Stumpfheit dahinlebenden Volke, das Preußen vor wenig mehr als 100 Jahren übernahm, ein wirtschaftlich starkes, intelligentes Volk gemacht, in dem an Stelle des früheren Hasses des gemeinen Mannes gegen den Adel eine bewunderungswerte Einmütigkeit getreten ist. Dazu bringt die polnische „Sachsengängerei” aus dem Westen, namentlich aus Rheinland und Westfalen, viel deutsches Geld in die Provinz, das ausschließlich den polnischen Parzellierungs- und Kreditgenossenschaften zugute kommt.