Trete in die enge Kammer,
Sieh mein Bett von trocknem Moose,
Wo ich mit dem Licht erwache,
Mit der Schwalbe Gott zu loben.
Vor dem Fenster schwebt ein Garten
Auf der alten Mauerkrone,
Wo zwei süße Nachtigallen
Meine Lieder wiederholen.
Aber deine Augen fragen,
Was das Tüchlein dort verborgen
Über meinem Betstuhl halte:
Sieh, das Bildnis einer Nonne.
Schlecht ist nur das Bild gemalet,
Doch in seinen Zügen wohnet
Strenge, die mich liebreich strafet,
Liebe, die mich ernsthaft lobet.
Heiliger als alles, alles,
Ist mir dieses Bild geworden,
Seinen Linnenvorhang achte
Höher ich, als sei er golden.
Aber über deine Wangen
Seh ich sanfte Tränen rollen?"
"Kann ich," saget Rosablanke,
"Vor dem Bild nicht weinen wollen?
Denn ich seh auf seinen Wangen
Blasser Lilien Kelch erschlossen,
Der von Tränen bittren Grames
Bis zum Tode überflossen.
Wer hat dir das Bild gemalet,
Wer hat dir das Tuch gesponnen,
Daß sie lieb dir über alles
Und mir auch so lieb geworden?" —
"Was ich weiß, sollst du erfahren,"
Spricht Biondetta, "doch zu sorgen
Bleibt mir vieles noch heut Abend;
Ich muß meinen Putz noch ordnen;
Muß noch stimmen Leir und Harfe
Und die Lieder wiederholen,
Denn schon mahnet mich der Schatten
Meiner Uhr dort an der Sonne."