Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein!"
Also hat das Weib gesungen
Mit verwirrter, süßer Zunge,
Und der Zauber ist gelungen. —
Denn Biondette, schlummertrunken,
Folgt des Zauberfadens Zuge,
Geht zur Linde, und am Brunnen
Liegt vor ihr ein Knabe fein.
"Jungfrau, ach, erbarm dich sein!"
Spricht sie, legt den kleinen Buben
Auf des Altars höchste Stufe,
Wo sie einst auch ward gefunden.
"Bleibe unten, bleibe unten,
Bete erst ein Vaterunser!"
Hört sie jetzt den Knaben rufen,
Doch sie soll verloren sein.
Und sie zieht zum Turm hinein,
Steigt hinan die dunklen Stufen;
Immer schwächer hört sie rufen:
"Bleibe unten, bleibe unten!"
Bis die Stimme ganz verschwunden;
Und Biondette, traumumwunden,
Steiget jetzt die letzte Stufe,
Gehet zu dem Mahl hinein.
Rosablankens Nadel fein,
Um die sie das Haar gewunden,
Zieht sie aus dem Lockenbunde,
Die ihr golden niederfluten.
Nächtlich bloß den keuschen Busen,
Tritt sie an die Zauberspuren,
Und von ihrem Herzen funkelt
Hell das goldne Röselein.
"Muß ich denn verloren sein?
O Maria, Gottes Mutter,
Der ich einstens ward gefunden,
In die Windeln eingewunden,
Denke meiner frommen Stunden,
Lasse sterbend mich gefunden!"
Lallt sie, peinlich traumumwunden,
Zu der reinen Seele Heil.