»Warum dachte ich auch daran nicht und setzte die dummen Dinger schmutzig in den Kasten!« brummte ich ärgerlich und trippelte vor Ungeduld mit den Füßen. »Mach doch nur rasch, Dore,« schalt ich dann heftig, »ich kann ja sonst Tantchen nicht mehr einholen, und muß dann allein bei Geh. Rath Delius in das Zimmer treten!« Mir wurde ganz heiß vor Angst bei diesem Gedanken, und so schnell ich konnte, rannte ich der Tante nach, so daß ich in tausend Pfützen patschte, alle Menschen umriß, die mir begegneten, oder denselben meinen aufgespannten Regenschirm vor den Magen stieß.
»Gott bewahre, die hat's eilig! Das fahrige, junge Ding!« hörte ich hinter mir drein rufen, aber unaufhaltsam stürzte ich vorwärts, um die Tante noch einzuholen, ehe sie an dem betreffenden Hause angelangt war. Doch vergebens, ich hatte mich zu sehr verspätet und mußte nun allein in das Zimmer treten.
Mit hoch klopfendem Herzen folgte ich dem anmeldenden Diener, und trat dann schüchtern der Dame des Hauses entgegen, welche mich freundlich bewillkommnete. Tante Ulrike saß schon neben ihr auf dem Sopha, stand jedoch bei meiner Ankunft ebenfalls auf, um mich der Geheimräthin vorzustellen. Da kam ein schrecklicher Moment: ich mußte meine Verbeugung machen! Ach das war ein großer Stein des Anstoßes, und täppisch genug mochte ich mich bewegt haben, ich fühlte es ordentlich an meinen zitternden Knieen und der brennenden Gluth, die mein Gesicht bedeckte.
»Kommen Sie näher, liebes Gretchen!« sagte die Geheimräthin herzlich und bot mir einen weichen Lehnstuhl zum Niedersitzen an.
»Erlauben Sie, liebe Freundin, daß Gretchen zuvor Ueberschuhe und Regenschirm in den Corridor trägt!« sagte die Tante jetzt, als ich mich eben ängstlich auf den Lehnstuhl setzen wollte.
Erschrocken fuhr ich schnell wieder von meinem Sitz empor und blickte an mir hernieder. Da sah ich denn, in welch' erbaulicher Verfassung ich in meiner Hast und Verlegenheit in dies elegante Zimmer eingetreten war! Nicht bloß, daß ich vergessen, mein aufgeschürztes Kleid herunter zu lassen, damit es die Röcke bedeckte, welche bei dem schnellen Sturmlauf arg besprützt worden, sondern ich hatte auch meine kothigen Ueberschuh an den Füßen behalten, welche herrliche Spuren auf dem glatten Parquetfußboden, sowie auf dem köstlichen Teppich zurück ließen. Ebenso umklammerte meine Hand noch mit krampfhafter Gewalt den Regenschirm, an dessen Spitze die Gewässer des heutigen Regenhimmels in sanften Strömen herab träufelten und sich zu einem kleinen See auf dem Fußboden vereinigten.
Eine scheue Entschuldigung stammelnd stürzte ich zum Zimmer hinaus und entledigte mich in der Vorstube dieser argen Missethäter. Dabei blickte ich in den Spiegel und sah nun, wie wenig meine Erscheinung für eine feine Morgenvisite geeignet war. Das Haar hing vom Winde gezaust nach allen Himmelsrichtungen um meine Stirn, der Hut saß schief und hatte eine arge Quetschung beim Kampf mit andrer Leute Regenschirmen erhalten, die Schleifen meines Knüpftuches hingen im Nacken, und der Kragen war eben im Begriff, auf und davon zu gehen.
»Daß auch Tantchen gerade bei solch' gräßlichem Wetter Visiten macht!« dachte ich ärgerlich und brachte meine Toilette wieder einigermaßen in Ordnung. Während ich aber hastig noch damit beschäftigt war, fiel mein Blick auf meine Handschuh, und neuer Schrecken durchfuhr mein armes Herz! Ach in der Eile und Hitze hatte ich ein Paar alte ergriffen, und erst jetzt mußte ich das bemerken! Was würde die Tante sagen, wenn sie das sah, denn sehen würde sie es, ihrem Auge entging ja nichts! Und was sollte die vornehme Geheimräthin von mir denken, vor der ich mich schon so schrecklich blamirt hatte! Anbehalten mußte ich die abscheulichen Dinger, denn ohne Handschuh, wie ich auf dem Lande ging, das wäre ja ganz unschicklich! So trat ich denn ängstlich und zaghaft wieder in das Visitenzimmer herein, meine Hände sorgfältig unter den Enden meines Shawles versteckend, was mir aber ein noch steiferes, ungelenkeres Benehmen gab.
Die liebe Dame des Hauses war taktvoll genug, meinen Wiedereintritt wenig zu beachten und sprach eifrig mit der Tante, und so setzte ich mich still auf einen einfachen Rohrstuhl, denn ohne Aufforderung wagte ich den schwellenden Polstersessel nicht wieder einzunehmen.
Da saß ich denn schweigend eine lange Zeit und hatte Muße genug mich zu sammeln. Ich zog und zerrte heimlich an den Fingerspitzen meiner unglückseligen Handschuh, von denen an einer Hand zwei, an der andern gar drei Finger aufgeplatzt waren, so daß die Fingerspitzen wie Rosenknospen aus der Blätterhülle hervorleuchteten. Es half aber nichts, davon wurden sie nicht wieder ganz.