»Wir Kinder haben zu Haus immer aus der Untertasse getrunken!« sagte ich erröthend.

»Das glaube ich gern, Kindern ist eben alles erlaubt!« entgegnete die Tante. »Aber du bist ja doch bei mir um das zu lernen, was sich für erwachsene Leute schickt, und die Kinderschuh abzustreifen, und drum quäle ich dich so ohne Erbarmen, du armer kleiner Backfisch! Nun wollen wir es aber für heut gut sein lassen, mache jetzt, was du Lust hast, sonst vergißt du am Ende eins mit dem andern. Heut habe ich dich mit den Pflichten und Regeln des Morgens gepeinigt, das war Lection Nummer I. Ich denke, wenn wir alle Tage solch Kapitelchen durchnehmen, so werden wir ja wohl in Jahr und Tag so ziemlich mit dem fertig sein, was ein Backfischchen zu lernen hat.«

In dieser freundlich heitern Weise verstand es Tante Ulrike, mich ungehobeltes Dorfmädel nach und nach etwas abzuschleifen, was gewiß keine leichte Aufgabe war. Die Milde und Geduld, mit welcher sie mich auf alles aufmerksam machte, ließ in mir jede Aufwallung von Aerger oder Unwillen zur Unmöglichkeit werden. Wenn ich auch noch so viel Falsches und Thörichtes that, noch so viel Verweise erhielt, immer war ich nur von Dank erfüllt gegen die, welche meine Erziehung mit so viel Selbstverleugnung und Liebe übernommen hatte, und das größte Bestreben, diese Bemühungen mit Eifer und Aufmerksamkeit zu vergelten, beseelte mich an jedem Morgen von Neuem.

Aber freilich, was hatte ich alles zu merken, was alles anders zu machen, als ich es bisher gethan hatte! Wie eine Fluth brauste es über mich daher, denn nur allein der Morgen, wie reich war der an vielfachen Rügen und Mahnungen gewesen! Welch' langen Herzenserguß sandte ich da gleich am ersten Tage nach meinem lieben Vaterhause! – Ach dort war stets alles recht und gut, was ich that, dort war ich noch ein Kind, für das sich alles schickte, und wie glücklich und seelensfroh war ich dabei gewesen! Aber jetzt! Jetzt war ich kein Kind mehr, jetzt sollte ich ein erwachsenes Mädchen vorstellen, mit neuen Pflichten und neuen Anforderungen! Da kamen mir immer und immer wieder die Schlußworte jenes schönen Liedes in den Sinn, die auch ich aus tiefstem Herzen seufzte: »O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!«

3.
Visiten.

So deutlich, wie mir dieser erste Morgen im Hause meiner lieben »Tante Anstand«, wie ich sie scherzend nannte, im Sinne geblieben, ist es freilich mit alle den darauf folgenden Tagen und Stunden nicht der Fall. Doch stehen mir besonders aus der ersten Zeit meines Aufenthaltes noch viele einzelne Scenen so deutlich in der Erinnerung, als hätten sie sich eben erst zugetragen, und von diesen will ich denn weiter erzählen.

»Hole dir Hut und Tuch, Gretchen, wir wollen einige Visiten machen!« sagte die Tante eines Tages, und ich eilte, ihrer Weisung zu folgen, um schnell fertig zu werden, denn sie liebte es gar nicht, auf mich zu warten. Nun war ich aber an solch' feierliches Ausgehen gar nicht gewöhnt, denn zu Haus stülpte ich schnell meinen Hut über und sprang sonst, wie ich war, hinaus in Garten und Flur; Shawl, Handschuh, Schirme, Aufschürzer und was dergleichen nöthige Gegenstände mehr waren, die zu einer Stadtpromenade gehörten, kannte ich wenig. So kam es denn regelmäßig, daß ich jetzt irgend etwas von diesen Dingen vergaß, was ich erst bemerkte, sobald wir unterwegs waren, und natürlich wurde die Tante hierüber oft recht verdrießlich.

Heute nun hatte es geregnet, und so schürzte ich mit zwei niedlichen Klammern, welche die Tante mir zu diesem Behufe geschenkt, mein Kleid sehr sorgfältig auf, denn oft hatte die Tante mich aufmerksam gemacht, wie häßlich es aussah, wenn nett gekleidete Damen entweder die guten Kleider im Schmutze nachschleppten, oder sich dieselben so ungeschickt aufnahmen, daß man alle Etagen ihrer Unterkleider verfolgen konnte, wobei sich oft nicht eben das Sauberste den Augen darbot. »Oben hui, unten pfui!« wie Tantchen sagte. Mit Shawl und Regenschirm wohl ausgerüstet folgte ich eilig meiner Führerin, welche wie gewöhnlich früher als ich fertig war. Auf der Treppe aber bemerkte ich erst, daß ich meine Handschuh vergessen, und erschrocken sprang ich zurück, dies mir recht unangenehme Kleidungsstück zu suchen. Glücklich holte ich die Tante auch bald ein, bemerkte aber in der Eile nicht, wie naß die Straße war, und daß ich dünne Zeugstiefeln an den Füßen hatte, bis die Tante plötzlich stehen blieb und auf mein Fußwerk zeigte.

»Ohne Ueberschuh in solchem Wetter, Mädchen?« rief sie unwillig. »Das geht nicht! Erstens bekommst du nasse Füße, und zweitens verdirbst du deine guten Zeugstiefeln. Kehre schnell um, hole dir Gummischuh und komm mir dann nach, du kannst mich bei Geh. Rath Delius treffen, wohin ich zuerst gehen werde.«

Auf Windesflügeln lief ich nach unsrer Wohnung zurück und holte die vergessenen Schuh aus ihrem Kasten. Aber wie ärgerlich! Sie waren von dem Schmutz des letzten Regenwetters noch völlig überdeckt, und ich mußte nun warten, bis Dore sie mir gereinigt hatte.