»Ja das gehört aber auch zur Ordnung, Kind!« entgegnete die Tante, das Versäumte nachholend. »Es ist ein häßlicher Anblick, oft bei ganz eleganten Toiletten diese Nachlässigkeit zu bemerken.«
Während ich nun noch die verpönten Morgenschuh von meinen Füßen streifte, um sie mit straffen Schnürstiefeln zu vertauschen, verließ die Tante unsere Schlafstube, und bald folgte auch ich ihr nach dem Wohnzimmer, wo das Frühstück uns erwartete. Als ich dort eintrat, kam Tante Ulrike freundlich auf mich zu, nahm meinen Kopf zwischen beide Hände und drückte einen herzlichen Kuß auf meine Lippen.
»Siehst du, jetzt bekommst du gern, was ich dir vorhin versagte!« sprach sie heiter. »Es ist eine arge Zumuthung, von unsaubern und unappetitlichen Lippen geküßt zu werden, und das vergessen gar viele Menschen, nicht blos meine kleine, liebe Grete! – Aber nun komm zum Kaffee, mein Töchterchen!« fuhr die Tante fort, und brachte die zierliche gemalte Kaffeekanne herbei. »Heut ist er schon fertig, aber von jetzt an übergebe ich dir das Geschäft des Kaffeekochens, sowie Abends auch die Theebereitung. Ich mache all' das gern in meinem Zimmer, das Summen des Theekessels ist gar zu behaglich.«
Geschäftig eilte ich, der Tante die Tasse mit Kaffee zu füllen und ihr denselben mit Sahne und Zucker zu versetzen.
»Erst Zucker, dann Sahne, das ist eine alte Regel, sonst giebt es eine unglückliche Liebe!« scherzte die Tante, indem sie mir zusah. »Und dann gieß die Tasse nicht so voll und schütte nichts über!«
»Ach verzeih!« rief ich erröthend und goß schnell aus der Untertasse wieder in die obere, was beim Hinreichen übergeflossen war. Aber nun kam ich aus dem Regen in die Traufe, wie man zu sagen pflegt, denn das war ja erst recht unschicklich.
Endlich setzte auch ich mich zum Frühstück nieder und machte mir ganz behaglich, wie zu Hause, eine recht schöne »Brockei«, wie wir Kinder es nannten, das heißt, ich stopfte eine Menge Weißbrod in die Tasse, daß es vom Kaffee dick aufgeschwemmt wurde und hoch oben hinaus stand.
»Du bist doch noch ein recht ordentliches Kind!« rief die Tante und sah mir lächelnd zu. »Nun laß es dir gut schmecken! Wenn wir unter uns sind, will ich dir dein Vergnügen nicht stören, aber in Gesellschaft von Andern mußt du solchen Kaffeepudding schon dran geben.«
»Wie schade! das schmeckt so gut, Tantchen!« sagte ich kindisch, und blickte mein süßes Gericht zärtlich an. Die zweite Tasse jedoch versuchte ich, nach Tante Ulrike's Angabe, ganz manierlich hinunter zu schlürfen; da er aber sehr heiß war, goß ich ihn in die Untertasse, damit er schneller abkühlte, und führte dieselbe dann pustend an die Lippen.
»Das schickt sich ja aber wieder nicht, Kind!« lachte die Tante, und erschrocken setzte ich schnell die Tasse nieder.